Anarchie in Moers

Die Anfänge des Moers Festival


Text: Jan Jessen | NiederRhein Edition, Ausgabe 01/2011 | Bilder: Stadtarchiv Moers

 

Im Juni 1972 geht im Schlosshof in Moers das erste „New Jazz Festival“ über die Bühne. Heute firmiert es unter „Moers Festival“ und ist eines der größten Jazz-Festivals weltweit. Die Wurzeln der Veranstaltung liegen in den sechziger Jahren. Jan Jessen hat sich auf Spurensuche begeben.

 

Samstag, 10. Juni 1972. Es ist zu kühl für diese Jahreszeit, der Himmel über Moers ist wolkenverhangen. Useliges Wetter. Trotzdem sind viele Bürger unterwegs, mal eben gucken, was sich da tut am alten Schloss. Im Park sind hunderte junger Menschen, langhaarige, bärtige Jeansträger, in Boots und zerfetzter Militärkleidung, junge Frauen mit kurzen Röcken und großen Sonnenbrillen. Ungewöhnliches Volk, „malerisch ausstaffiert“, wie es ein Chronist später beschreiben wird. Die meisten wohl keine Niederrheiner. Sie liegen auf bunten Decken, völlig entspannt, genießen Weißbrot, Käse, Wein. Vom Schloss wehen merkwürdige, bizarre Klänge herüber. Saxophone und Geigen kreischen, schreien, fiepen, quäken. Ältere Leute empören sich. „Jetzt ist auch das letzte Bollwerk abendländischer Kultur dem dekadenten Verfall preisgegeben worden“, seufzt einer. Drinnen, im alten Schlosshof haben sie eine provisorische Bühne aufgebaut, ein Holzpodest mit einer Plane darüber. Auf der Bühne arbeiten sich Musiker an ihren Instrumenten ab, die mindestens genauso wild und ungewöhnlich aussehen, wie ihr Publikum.  


Moers Festival 1977 | Foto: Stadtarchiv Moers

Mittendrin in diesem Publikum steht Ulrich Wefers. Er kommt aus Moers. Er ist einer von diesen langhaarigen links-libertären Jugendlichen, um die die Erwachsenen einen großen Bogen machen. Eigentlich will Wefers an diesem Tag ein paar Mark verdienen, weswegen er einen Würstchenstand aufgebaut hat. Die Musik holt ihn hinter seinem Büdchen vor, überlässt den Verkauf irgendwelchen Leuten. Staunend steht er inmitten der Freaks und Jazz-Freunde. Ja, was die Musiker aus den USA, Polen, Holland, Belgien und Deutschland da auf der Bühne aus ihren Instrumenten herausholen ist Jazz. New Jazz, Free Jazz, die Zukunft. Die große Welt ist in die kleine Stadt gekommen. Wefers erlebt den ersten Tag des „New Jazz Festival Moers“ – und den ersten Höhepunkt der langen Geschichte einer Veranstaltung, die die Grafenstadt weit über die Grenzen hinaus bekannt gemacht hat.


Begonnen hat diese Geschichte vier Jahre früher

1968, das Jahr der großen Umwälzungen. Die historischen Ereignisse überschlagen sich. In den USA wird am 4. April Martin Luther King ermordet, der wortmächtige Führer der gewaltfreien Bürgerrechtsbewegung. Danach brechen überall in den schwarzen Ghettos gewaltsame Aufstände aus. In Deutschland, wo die nach dem Krieg Geborenen ihre Eltern an die Verbrechen der Nazi-Zeit erinnern und für die demokratische Mitbestimmung an den Hochschulen streiten, verübt ein von der Springer-Presse aufgehetzter Rechtsradikaler am 11. April einen Anschlag auf Studentenführer Rudi Dutschke; die anschließenden Osterunruhen sind die militantesten Demonstrationen der Nachkriegsgeschichte. In Paris führt Daniel Cohn-Bendit, der „rote Dany“ die Mai-Proteste an, bei denen Arbeiter und Studenten Frankreich in eine Staatskrise stürzen. In der Tschechoslowakei wälzen sowjetische Panzer am 20. und 21. August den Prager Frühling nieder. Überall im Westen begehrt die Jugend auf. Gegen Verklemmung, Verkrustung, Wohlstandsbürgertum, gegen Imperialismus und Kapitalismus.  Alles wird radikal in Frage gestellt. Traditionen, Werte, Politik, Gesellschaftssysteme.

Das Jazzfestival Moers 1984. Foto: Stadtarchiv Moers

Anthonie Braxton auf dem Jazzfestival Moers 1974. Foto: Stadtarchiv Moers


Die „Röhre“ als Keimzelle

Der Zeitgeist macht vor dem Niederrhein nicht halt. Auch in der Provinz lassen sich die Jugendlichen die Haare länger wachsen, diskutieren über Politik. Aufbruchstimmung allerorten. Das geht nicht ohne Konflikte mit den Alten ab. In Moers kommt es in diesen unruhigen Zeiten vor, dass „Gammler“ mit Schrotflinten aus der Kneipe vertrieben werden. Für solche Jugendlichen gibt es keinen Treffpunkt in der Grafenstadt. Das ändert sich am 11. Oktober 1968. An diesem Tag wird an der Weygoldstraße in der Lagerhalle der alten jüdischen Hutfabrik Kahn, die dreißig Jahre zuvor von den Nazis „arisiert“ wurde, ein Lokal eröffnet, das bald als verrucht verschrien und später mit dem Attribut „kultig“ versehen wird. Die Röhre. Ein langgestreckter, pechschwarz gestrichener Raum, spartanisch eingerichtet. Keine beliebige Kneipe. Ein „Lokal und Forum für kulturelle und politische Diskussion“, so wollen es Burkhard Hennen, Rainer Lindemann und Poncho Schumacher, die drei jungen Männer, die hinter der „Röhre“ stehen. Hennen und Lindemann kennen sich vom Gymnasium Adolfinum, Lindemann war dort Schülersprecher. Hennen, ein langhaariger, bärtiger junger Mann Anfang zwanzig, der stets in dunklen Klamotten unterwegs ist, wird auf Demos gesehen, gegen die Springerpresse, gegen das Schulsystem, später bei den Protesten gegen NPD-Chef Adolf Thadden, der 1970 in Moers hetzt, oder gegen die Fahrpreiserhöhungen 1971.


Diskutiert wird im Keller der „Röhre“. Oben gibt es politisches Kabarett und Musik. Free Jazz vor allem. Musik, die zur Zeit passt, Musik, bei der Harmonien und Melodien zerfräst, gesprengt werden. Bis zu 300 Veranstaltungen finden hier im Jahr statt. Bei den Alteingesessenen stößt das auf wenig Verständnis. Besonders viel Ärger macht Albin Neuse, der in einem schlichten Mehrfamilienhaus schräg gegenüber wohnt. Neuse ist ein Sozialdemokrat von altem Schrot und Korn und der ehrenamtliche Bürgermeister der Grafenstadt. Ein respektierter Mann. Mit dem jugendlichen Treiben in der Röhre kann er aber herzlich wenig anfangen. Neuse macht den Betreibern der „Röhre“ das Leben höllisch schwer, will die Kneipe gerichtlich schließen zu lassen, setzt eine Sperrstunde durch. Die jugendlichen Besucher rächen sich auf ihre Weise. Ab und an wird Neuse gedöppt, morgens, wenn er schwimmen geht. In der „Röhre“ treffen sich Menschen, die später in der deutschen Kulturszene einen großen Namen haben werden. Der Dramaturg Holk Freytag zum Beispiel, der 1975 das Schlosstheater Moers gründet und zwischen 2001 und 2009 Intendant des Staatsschauspiels Dresdens sein wird; Hanns Dieter Hüsch und Franz Josef Degenhardt; die Techno-Pioniere von Kraftwerk, die in der „Röhre“ einen Proberaum haben; Heiner Müller-Adolphi, der spätere Musikprogrammchef des WDR; und natürlich die Jazzer, allen voran der Saxophonist Peter Brötzmann, der immer einer der letzten an der Theke ist.

Verbündete bei der Stadt und in der Politik

Im Herbst 1971 beschließt Hennen, die Musik aus der „Röhre“ in die Öffentlichkeit zu hieven. Die Idee des Jazz-Festivals ist geboren. In Hartmut Boblitz, dem jungen Leiter des Moerser Kulturamtes, findet er einen zugänglichen Partner bei der Stadt. Auch in der Moerser Politik gibt es quer durch alle Lager einige Menschen, die sich für Jazz interessieren. Etwa Karl Wiemann, ein Rechtsanwalt und FDP-Politiker, der als sachkundiger Bürger im Kulturausschuss sitzt. Wiemann hat eine gewaltige Plattensammlung, bringt sich in Pariser Jazz-Clubs auf den neuesten Stand. Der Rest der Moerser Politik ist ohnehin mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Man diskutiert über die anstehende kommunale Gebietsreform. Kaum jemand nimmt groß Notiz von den Plänen, die in der „Röhre“ geschmiedet werden. Am 27. Januar 1972 tagt der städtische Kulturausschuss im kleinen Sitzungssaal des Rathauses. Unter Tagesordnungspunkt 9 vermerkt der Schriftführer, Stadtoberinspektor Rochelmeier: „Verwaltungsrat  Boblitz teilt mit, dass ein Jazzmeeting im Rahmen der Konzerte im Schlosshof geplant sei.“ Man wolle allen Altersgruppen gerecht werden, erläutert Boblitz und außerdem könne die Veranstaltung mit erstklassigen Besetzungen durchgeführt werden. Ganz nüchtern beschreibt Rochelmeier weiter, was die Geburtsstunde eines der größten Jazzfestivals Europas wird: „Nachdem er (Boblitz) die Kosten dieser Veranstaltung erläutert hat, beschließt der Kulturausschuss einstimmig, die Verwaltung zu beauftragen, die Veranstaltung am 10./11. Juni 1972 unter der Trägerschaft der Stadt Moers durchzuführen.“


Erstklassig ist das Programm in der Tat, dank der guten Drähte, die Burkhard Hennen in die Jazz-Szene hat. Aus Polen sagen die Michal Urbaniak Constellation und das Thomasz Stanko Quintet zu, aus den USA die Karl Berger Company und  die Chris Hinze Combination, dazu die Peter Brötzmann Group, das Peter Kowald Quintet, das New Jazz Trio, Third Eye und das Albert Mangelsdorff Quartet. Kulturamtsleiter Boblitz schafft es, knapp 10000 Mark aus dem städtischen Etat für die Veranstaltung zusammenzukratzen. Die Eintrittspreise für die Veranstaltung können somit nahezu lächerlich niedrig gehalten werden. Ein Tag fünf Mark, zwei Tage acht.

Positive Bilanz und die ersten Nörgler

In den Wochen vor dem Festival, das Hennen „New Jazz Festival Moers“ tauft, wacht auch die lokale Presse auf. „Jazz-Elite kommt nach Moers“, jubeln die einen und sinnieren darüber, dass „Jazz – speziell Avantgarde und Free Jazz – in Moers etwas stiefmütterlich behandelt, mit Tanzmusik verwechselt oder sogar ignoriert“ worden sei. Die anderen wissen Wunderliches über die Musiker zu berichten, etwa über Han Bennink, den Trommler der Peter Brötzmann Group, der ein Jahr zuvor von der Zeitschrift „Down Beat“ zum weltbesten Schlagzeuger erkoren wurde: Der Mann sei „Vegetarier, er lebt ausschließlich von Milch, Wasser und Käse und residiert in Amsterdamm auf einem 80 Meter langen Wohnschiff“. Gleichwohl halten sich die Moerser noch ein wenig zurück. Ende Mai liegen für das Festival erst 164 Kartenvorbestellungen vor, viele aus der Schweiz, Belgien und Holland. Aus Moers keine einzige.

Und doch wird es voll an diesen beiden Tagen im Juni 1972. 2000 Besucher werden gezählt. Es wird viel improvisiert am Samstag und am Sonntag. Auf der Bühne und hinter der Bühne. Hartmut Boblitz behält das erste Moerser Jazzfestival als eine „außerordentlich friedliche und heitere Veranstaltung“ in Erinnerung. Eine Helferin des Roten Kreuzes behauptet gar, es sei im Schlosshof ruhiger zugegangen als auf einem Schützenfest.  Auch Ulrich Wefers ist zufrieden, trotz der Miesen, die er mit seinem Würstchenstand gemacht hat. Einen anarchischen Freiraum hat er erlebt. Mitten in Moers. Und das Anfang der siebziger Jahre. Das renommierte Jazzjournal „Jazz Podium“ schreibt kurz und knapp: „Das Experiment ist geglückt.“  Allein die bürgerliche Presse kann sich nicht so recht erwärmen. „Dass Gäste einer kulturellen Veranstaltung zwingend eine Schutthalde zurücklassen müssen, ist freilich nicht ganz einzusehen“, schreibt ein Kommentator naserümpfend unter ein Bild, auf dem einige Bierflaschen auf dem Boden des Schlosshofes zu sehen sind.

Der Müll wird in den kommenden Jahren immer wieder ein Thema sein für die, die sich im Kampf gegen das Jazz-Festival politisch profilieren wollen. Sein stetes Wachstum können auch die Gegner indes nicht verhindern. Auch weil Burkhard Hennen es stilsicher „auf den jeweils höchsten Wellen der Jazz-Avantgarde“ navigiert, wie die „Zeit“ es einmal ausdrückt. 1975 zieht das Festival in den Moerser Freizeitpark um, wo bald alljährlich zu Pfingsten eine gewaltige Zeltstadt mit zehntausenden Bewohnern entsteht. Ganz große Namen gastieren in Moers. Archie Sheep, Sun Ra, Shibusa Shirazu, Cecil Taylor und viele andere. 2005 gibt Hennen die künstlerische Leitung des Festivals ab. Zu viele Querelen, zu viel Kommerz.  Aber das ist eine andere Geschichte.  


 In diesem Jahr findet das „Moers Festival“, wie es heute heißt, zum 40. Mal statt. An Pfingsten. Vom 10. bis 12. Juni 2011

Infos: www.moers-festival.de
Quellen: Neue Ruhr/Neue Rhein Zeitung, Rheinische Post, WAZ, zeitonline, Wikipedia
Dank an das Stadtarchiv Moers, Ulrich Wefers und Hartmut Boblitz