Der Redner des Menschengeschlechts

Anacharsis Cloots


NiederRhein Edition 01/2013 | Text: Jan Jessen

Anacharsis Cloots ist heute so gut wie vergessen. Der adlige Niederrheiner war einer der führenden Köpfe der französischen Revolution und ein Visionär, dessen Ideen noch heute erstaunlich aktuell sind. Jan Jessen hat sich auf die Spur des Mannes begeben, der für seine freiheitlichen Ideale starb.


Frankreich im Frühjahr 1794. Köpfe rollen. Die Revolution von 1789 frisst ihre Kinder, Maximilien de Robespierre überzieht das Land mit seiner Terrorherrschaft und lässt Hunderte unter der Guillotine sterben. Am 23. März steigt ein junger Mann auf das Schafott in Paris, schlank, mit angenehmen Gesichtszügen und hoher Stirn. Bevor er sein Haupt unter das Fallbeil legt, grüßt er das Volk. Seine Standhaftigkeit, seine Lässigkeit im Angesicht des Todes beeindrucken die Schaulustigen. Der Mann, der an diesem Tag mit gerade einmal 38 Jahren stirbt, war einmal ein Superstar der französischen Revolution. Ein Feind der Religion, Verteidiger von Bürgerrechten, Weltbürger, Visionär. Ein Baron vom Niederrhein. Sein Name: Anacharsis Cloots.

Anacharsis Cloots wird am 24. Juni 1755 als Johannes Baptista Hermanus Maria Cloots auf dem Klostergut Gnadenthal bei Kleve geboren. Seine Eltern stammen aus den Niederlanden und sind steinreich. Er wächst in Luxus auf, genießt eine standesgemäße Ausbildung. Internat in Brüssel, Jesuitenschule in Mons, humanistisches Studium in Paris. Deutsch und niederländisch spricht er nur gebrochen, Leute seines Standes parlieren auf Französisch, weswegen er sich auch rasch Jean Baptiste Cloots nennt. Mit 14 Jahren kommt er auf die Militärakademie in Berlin. Der knüppelharte Drill und die Disziplin sind nicht sein Ding, die dort gelehrte Aufklärungsphilosophie schon. Schon früh entwickelt er Widerspenstigkeit, einen ausgeprägten Freiheitsdrang und eine Abneigung gegen die Kirche. Der junge Mann ist blitzgescheit, sein großes Vorbild ist Voltaire, die Stadt seiner Sehnsucht Paris, in der es brodelt.

Mitte der 1770er Jahre kehrt Cloots wieder an die Seine zurück. Finanziell geht es im blendend, sein 1767 verstorbener Vater hat ihm ein prächtiges Erbe hinterlassen, er verfügt über 100.000 Livres jährlich. In Paris entwickelt er sich zu einem sprichwörtlichen Salonlinken, in der feinen Intelektuellen-Szene trifft er Menschen wie Jean-Jacques Rousseau, Gabriel Bonnot de Mably und den amerikanischen Gesandten Benjamin Franklin. Cloots radikalisiert sich rasch. 1779 schreibt er im heimischen Gnadenthal seine erste große philosophische Abhandlung die ein Jahr später in London publiziert wird. Es ist eine Streitschrift gegen die Kirche, der er Intoleranz und Fanatismus vorwirft. Er setzt sich für Trennung von Staat und Kirche ein, für die Gleichsetzung der Religionen, und er macht die Kirche verantwortlich für Kriege, den Verfall der öffentlichen Moral, das Fehlen einer gerechten Regierung und die Unmündigkeit der Menschen. Starker Tobak, selbst für diese aufrührerischen Zeiten.

Der Erzbischof von Paris bedroht ihn, weswegen Cloots Reisen unternimmt nach Österreich, Ungarn, Spanien, England, nach Nordafrika und in die Niederlande. Auf diesen Reisen wird er zum Kosmopoliten. Und zu einem Verfechter einer Idee, die 200 Jahre später als Globalisierung ihren Siegeszug antreten soll. Der unbeschränkte Handel sei wichtig für die Entwicklung eines allgemeinen Wohlstands, glaubt Cloots. Er tritt jetzt für Aufhebung von Zöllen ein, für die gerechtere Erhebung von Steuern, für bürgerliche Gleichheit und die Pressefreiheit, für Bildung. 1790 kehrt er nach Paris zurück, wird Teil der revolutionären Szene und einer ihrer wichtigsten Köpfe. Er verkündet seine Ideen in zahlreichen Zeitschriften. Seine Artikel erscheinen unter seinem neuen Namen Anacharsis Cloots. Anacharis – das ist eine sagenumwitterte Gestalt aus der Antike, er soll ein Skythe gewesen, ein Philosoph, geistreich, kritisch, vorurteilsfrei und schlagfertig.

Seinen größten Coup landet er 17. Juli 1790, als er die Nationalversammlung mit einer bunten Truppe betritt, die er als „Deputation des Menschengeschlechts“ vorstellt. Tatsächlich hat er die Leute mit Kleidung aus einem Theaterfundus ausgestattet und sie auf den Straßen von Paris rekrutiert. In einer flammenden Ansprache fordert er die Ausdehnung der Revolution auf alle Länder der Erde und wird damit einem breiten Publikum bekannt. Als „Redner des Menschengeschlechts“ firmiert er nun. Alle Völker sollen dieselben Rechte haben und anerkennen, alle Grenzen sollen fallen. In den folgenden Jahren radikalisiert er sich immer weiter, erklärt sich zum Feind Jesu, segnet – mittlerweile französischer Bürger und Mitglied des Nationalkonvents – die Hinrichtung des abgesetzten Königs Ludwig XVI. ab und organisiert am 10. November 1793 eine hinreißende atheistische Zeremonie in der Kathedrale Notre Dame de Paris, bei der eine freizügige junge Dame auf den Altar gesetzt und zur Göttin der Vernunft erklärt wird.

Für seine Mitrevolutionäre im Jakobinerklub wird das alles ein wenig zu wild. Der spießige Robespierre, der Verfechter der Idee der Nation, die Cloots ablehnt, intrigiert gegen ihn, verdächtigt ihn der Spionage. Ein Dorn im Auge ist den Konterrevolutionären auch sein Reichtum. Er wird als „deutscher Baron“, „Schmarotzer“ und „Vandale“ verhöhnt. Im Dezember 1793 – Frankreich befindet sich im Krieg mit Preußen und England – wird er aus dem Konvent ausgeschlossen, weil er Ausländer ist und kurze Zeit später verhaftet. In einem viertägigen Schauprozess wird Cloots schließlich im März 1794 zum Tode verurteilt. Brechen können sie ihn aber nicht. Er verteidigt sich stolz und wortmächtig und schleudert seinen Anklägern entgegen: „Mit Wollust werde ich den Giftbecher leeren!“

In den folgenden Jahrzehnten sollte die Erinnerung an den „Redner des Menschengeschlechts“ immer mehr verblassen. Ein anderer Niederrheiner ehrte den revolutionären Baron aus Kleve aber: Der Künstler Joseph Beuys nannte sich phasenweise „JosephAnacharsis Clootsbeuys“.

 

Quellen: Bernd Schminnes, „Anacharsis Cloots – der Redner des Menschengeschlechts“, Boss-Verlag Kleve 1988, Ferdinand Goebel „Anacharsis Cloots“ im Niederrheinischen Heimatkalender 1926, Dr. Josef Stapper „Anacharsis Cloots aus Gnadenthal“ aus: „500 Jahre katholische Pfarrei Donsbrüggen“, 1948, Wikipedia. Mit Dank an das Stadtarchiv Kleve.