Der Weltbeschreiber

Gerhard Mercator


Text: Sonja Raimann | NiederRhein Edition 02/2012 | Bilder: wikipedia

Als Duisburg noch zum Herrschaftsgebiet Kleve gehörte, eine idyllische Kleinstadt war und wie zu jener Zeit typisch von Wällen, Gräben und einer Stadtmauer mit Toren und Türmen umgeben war, emigrierte ein Mann in die Kleinstadt am Rhein, der in die Geschichte eingehen sollte. Die Rede ist von Gerhard Kremer, besser bekannt unter dem Namen Gerhard Mercator.

Geboren und aufgewachsen ist Gerhard Kremer 1512 in Rupelmonde in Ostflandern. Erst kurz vor seiner Geburt sind seine Eltern, der Schuhmacher Hubert Kremer und seine Frau Emerentia vom niederrheinischen Gangelt in das flandrische Städtchen gezogen. Als Gerhard 15 Jahre alt ist, stirbt sein Vater und er wird von einem Onkel auf die Schule der „Brüder vom gemeinsamen Leben“ geschickt. Dort soll er die  Bildungsinhalte des Humanismus, das Bibelstudium, das Lesen von antiken Autoren, die  Schönschreibekunst und die Technik der Buchherstellung erlernen. Sein Onkel emp­fiehlt ihm auch, sich an der Universität in Löwen einzuschreiben und ein Theologiestudium zu absolvieren, um Priester zu werden. Zwar schreibt sich Gerhard, der sich mittlerweile nach Sitte der Humanisten Gerardus Mercator (die lateinische Form von Gerhard Kremer) nennt, in Löwen ein. Er absolviert aber lediglich das Studium der „Sieben freien Künste“, die im mittelalterlichen Lehrwesen für die Vorbereitung auf die Studienfächer Theologie, Jurisprudenz (Rechtswissenschaften) und Medizin stehen.


Ich möchte die Welt beschreiben


1532 schließt er das Studium als Magister ab und verlässt daraufhin die Universität. Gerardus hat andere Pläne und Priester zu werden gehört nicht dazu. Sein Wunsch ist es, die Welt zu beschreiben, Landkarten und Globen von Erde und Himmel zu  entwerfen. Von Löwen zieht es ihn zum Zweck des  Selbststudiums deshalb zunächst nach Antwerpen. Vermutlich lernt er hier auch das Handwerk des Kupferstechers. Nach zwei Jahren in Antwerpen kehrt er nach Löwen zurück und heiratet die Bürgerstochter Barbara Schelleken. Zudem tritt er in Kontakt mit Gemma Frisius, einem Freund aus Studientagen, der bereits sein Geld als Kartograf und Globenbauer verdient. Gemma Frisius nimmt Mercator unter seine Fittiche und lehrt ihn nicht nur die Kunst des Kartenmachens, sondern auch die des Instrumentenbaus. Als Assistent von Frisius erstellt er 1536/37 seinen ersten Erd- und Himmelsglobus. Aber Gerardus will mehr, er will einen Globus schaffen der mehr Orte zeigt und größer ist als alle bisherigen Globen. Noch im selben Jahr erscheint sein erstes eigenes Werk. Eine sechsblättrige Wandkarte des Heiligen Landes. Ihr folgt seine erste Weltkarte, die er nach dem Erdglobus seines Lehrmeisters anfertigt.


Basierend auf den damals neuesten topografischen Erkenntnissen erscheint 1541 dann endlich sein erster eigener Globus. Da sich zu dieser Zeit im Hause Mercator erneut Nachwuchs angekündigt hat, konzentriert sich Gerardus dann fürs erste aufs Geld verdienen und arbeitet die nächsten Jahre als Landvermesser, baut astronomische Instrumente, Globen, aber auch Sonnenuhren, Kompasse sowie Richtgeräte für die Artillerie. Mercator ist mittlerweile kein Unbekannter mehr und zu den Bewunderern seines Schaffens zählt auch Kaiser Karl V.. Im Auftrag Genter Bürger hatte Gerardus eine Karte der Grafschaft Flandern zur Versöhnung mit dem Kaiser angefertigt, wodurch die Mercatorprojektion, die er bereits auf seinem 1541 veröffentlichten Globus andeutete, bekannt wurde. Während andere Gelehrte den Punkt nach dem sich die Magnetnadel ausrichtet noch immer am Himmel suchten, deutete Mercator bereits um 1540/41 in seiner Projektion als erster einen magnetischen Nordpol an.

In den Fängen der Inquisition


Im Februar 1544 gerät Gerardus Mercator in die Fänge der Inquisition und wird der Ketzerei beschuldigt – ein Schicksal, das er in jenen Tagen mit vielen anderen Anhängern der Reformation teilt. Nach drei Monaten Haft wird er dank dem Einfluss seiner Fürsprecher entlassen. Kurz darauf verlässt er mit seiner Frau Barbara und der mittlerweile sechsköpfigen Kinderschar Flandern. Es zieht sie in das Herzogtum Jülich, Kleve und Berg. Herzog Wilhelm der Reiche – bekannt für seine liberale Einstellung in Religionsfragen und die Aussicht auf Gründung einer Universität sind hierfür ein zusätzlicher Anreiz für Mercator. Seine neue Heimat wird Duisburg am Rhein. Zunächst arbeitet er hier allerdings am Gymnasium und lehrt Mathematik, Geometrie und Kosmologie. Nebenher bringt er 1554 seine Europa-Wandkarte zur Vollendung. Zwar dienten ihm dafür bewährte Vorbilder als Grundlage, aber wie für ihn typisch, nutzt er auch ganz aktuelle Reiseberichte jener Zeit sowie Seekarten und Schiffsanweisungen, um die Kompassrichtungen von Küstenstädten in seine Wandkarte einzubinden.


Die Hoffnung auf eine Professur an der Landesuniversität des Herzogtums Kleve löst sich in Wohlgefallen auf, denn nun steht endgültig fest, dass die Gründung der geplanten Universität nicht zustande kommen wird. Stattdessen verleiht ihm Herzog Wilhelm der Reiche 1563 den Titel „Herzoglicher Kosmograph“. Allerdings ist dies lediglich ein Titel, der weder ein festes Amt noch ein Grundeinkommen beinhaltet und so schlägt sich Meractor mit seinen Söhnen – beide vom Vater ausgebildet – als freie Kartographen und Geometer durch.

Die erste funktionierende Karte für die Seefahrt


1569 vollendet er seine Weltkarte für die Schifffahrt, die auf seinem neuen Netz der Längen- und Breitengrade beruht und das Navigieren für Seeleute enorm erleichtert. Nach einem vereinfachten Berechnungssystem können die Seefahrer nun konsequent ihren Kurs halten und kommen tatsächlich dort an, wo sie hin wollen. Möglich macht das die absolut winkelgetreue Wiedergabe der Karte der Erdkugel. Zur damaligen Zeit eine Sensation und auch noch heute nicht weniger beeindruckend. Für die Wandkarte mussten 24 einzelne Kupferplatten für den Druck angefertigt werden, denn sie hatte ein Maß von 1,31 m Höhe und 2 m Breite und avancierte schnell zu einem Verkaufsschlager. Die Art, die Erdkugel als Fläche darzustellen, wurde nach Mercators Erfindung bezeichnet: die Mercator-Projektion.


Mit Unterstützung seiner Söhne fertigt Gerhard Mercator noch viele Landkarten und fasst diese zu einem Gesamtwerk mit dem Titel „Atlas“ zusammen. Ohne es zu ahnen, prägt er damit den noch heute gültigen Begriff für Kartensammlungen. Die Veröffentlichung im Jahr 1595 erlebt er bedauerlicherweise nicht mehr. Gerhard Mercator stirbt am 02. Dezember 1594. Seine letzte Ruhe findet er in der Salvatorkirche zu Duisburg.


Gerhard Mercator wollte die Welt beschreiben und das ist ihm gelungen. Er ist dafür nie zur See gefahren, um die Erde gereist oder hat persönlich ferne Länder besucht. Er hat sie zu sich kommen lassen in Form von Büchern. Diese  Tatsache macht sein Schaffen, seine Werke und sein Wirken noch faszinierender, hat er doch so die erste wirklich funktionierende Karte für die Seefahrt geschaffen. Er hat ein Erbe hinterlassen, von dem wir alle noch heute profitieren.

Mercators Erbe


„Ihre Route wird berechnet. Bitte folgen Sie dem Straßenverlauf 15 km“ – Kommt Ihnen das bekannt vor? Bestimmt haben Sie auch ein Navigationsgerät in Ihrem Auto, oder nutzen Sie ab und an eine App auf ihrem Smartphone, die Ihnen anzeigt, wo Sie sich gerade befinden?  Glückwunsch, Sie nutzen Mercator, zumindest ein bisschen, jeden Tag.


Selbstverständlich wurde die Mercator-Karte und die Projektion im  Laufe der Jahrhunderte verfeinert. Inzwischen ist die UTM (Universal Transversale Mercatorprojection) Grundlage fast aller Karten – und das weltweit. Entwickelt in den 1950er Jahren von der NATO löste UTM auch das in Deutschland bislang verwendete Koordinatensystem ab. Koordinaten werden heute per GPS erfasst und hin und wieder werden die Daten dank Satellitenbilder aktualisiert. Heute ist ein mühsames Zeichnen und Kupferstechen nicht mehr nötig, oftmals sind wir nur einen Mausklick vom gewünschten Ergebnis entfernt. Auch wenn es in unserer multimedialen, digitalisierten Welt nicht so wirkt, Karten stecken fast überall irgendwo drin oder dahinter. Und so nutzen wir alle im Web, mit unseren Navis, Handys und Smartphones auch noch 500 Jahre später ein Stück Mercator.­