Die Karwoche – De joe Weäk met de jrööne Donerstich, Kaarvriidich un Wäksastich

Osterbräuche und -traditionen im Allgemeinen und insbesondere am Niederrhein (Teil 1)

Die Karwoche beginnt am letzten Sonntag vor Ostern. In allen christlichen Konfessionen gilt die Karwoche als die wichtigste Woche des Kirchenjahrs. In besonderer Weise wird in dieser Woche dem Leiden, Sterben und der Auferstehung Christi gedacht. Sie wird auch „die stille Woche“ genannt. Am Niederrhein hieß die Karwoche früher auch die „Joe Weäk“ oder „de Juudasweäk“ (Judas Woche) und sollte daran erinnern, dass Judas seinen Herren verraten hat. Die eigentlichen Kartage sind „der jröönen Donerstich“ (Gründonnerstag), „Kaarvriidich“ oder „der joe Vriidich“ (Karfreitag / der gute Freitag) und „Wäksastich“ (Karsamstag).

Mit Palmprozessionen wird an Palmsonntag dem Einzug Jesu in Jerusalem gedacht. Buchs- und Weidezweige werden geweiht. Sie sollen das Zuhause vor Unheil schützen. Palmzweige die in der Kirche verbleiben, werden im Folgejahr zu Aschermittwoch verbrannt und zur Spendung des Aschekreuzes verwendet. 

Pörtschen jaaren" in Nettetal-Leuth an Palmsonntag
Pörtschen jaaren (Törchen jagen) so hieß ein ungewöhnliches Palmsonntagsspiel, ein Palmsonntagsbrauch aus Nettetal-Leuth. Berichten aus dem Jahr 1875 zufolge sollte es an den Einzug Jesu in Jerusalem erinnern und an dem Spiel nahmen Jung und Alt teil. Sie stellen sich immer zu zweit auf einem Feld auf und fassten sich an den Händen. Das erste Paar hob die Arme in die Höhe und bildeten so ein Tor. Das zweite Paar lief hindurch und blieb etwa fünf Schritte entfernt stehen. Es hob ebenfalls die Arme, bildete ein Tor und dann folgte das dritte Paar durch beide Tore und stellte sich wiederum in gleicher Entfernung auf, etc. Jedes Paar sang wenn es durch die Tore lief: „Pörtschen jaaren, Schängkele knaaren, Dorejaaren!“ („Törchen jagen, Schenkel knabbern, Hindurch jagen!“). Der Sinn des Spiels und Liedes war es, dass man an diesem Tag noch einmal fröhlich war, Essen und Trinken genoß und eben den Schinken bis auf den Knochen abknabberte – schließlich wurde im Anschluss bis Ostern wieder streng gefastet.


Der jröönen Donerstich“ (Gründonnerstag)


Gründonnerstag, leitet sich von dem Wort „grona“ (greinen, weinen) ab. Gemeint sind damit die Tränen der Büßer, die früher zu Beginn der Fastenzeit aus der Kirche ausgeschlossen und nach entsprechenden Bußhandlungen wieder aufgenommen wurden. Aus Trauer über den Kreuztod Jesu verstummen nach der Eucharistiefeier die Kirchenglocken- und orgeln. Erst in der Osternacht erklingen sie wieder. 

Fastensuppe am Gründonnerstag

Auch wenn der Gründonnerstag nichts mit der Farbe Grün zu tun hatte, so wird an diesem Tag vielerorts grünes Essen, meist eine Suppe aus mehreren grünen Kräutern, serviert. Das soll Gesundheit für das ganze Jahr schenken. Auch am Niederrhein kochte man die Gründonnerstagssuppe in vielen Varianten, entweder aus sieben, neun oder zwölf verschiedenen Kräutern. In Krefeld-Hüls kochte man häufig Suppe aus sieben verschiedenen Kräutern die zu dieser Jahreszeit im Garten wuchsen: Sellerie, Porree, Petersilie, Schnittlauch, Estragon, Kerbel und Kresse. Ebenfalls schnitt man die die jungen Sprossen vom Grünkohl ab, die am Gründonnerstags zubereitet wurden.

>> Hier geht zu einem Rezept aus neunerlei Kräutern, nachdem in Viersen, Wachtendonk und anderen niederrheinischen Ortschaften die Gründonnerstagssuppe gekocht wurde.

Karfreitag - Kaarvriidich - Der joe Vridaach


Das Wort „Kar“ kommt aus dem althochdeutschen „kara“ und bedeutet „Totenklage“. Karfreitag erinnert an die Kreuzigung Christi. In der evangelischen Kirche gilt er als einer der höchsten Feiertage. Für Katholiken ist er – neben Aschermittwoch – einer der beiden Fast- und Abstinenztage. Auch die Tradition, freitags kein Fleisch zu essen, geht auf das Karfreitagsgeschehen zurück. Öffentliche Veranstaltungen mit Musik und Tanz sind heute verboten.

Vielerorts pilgerte man in vielen Orten am Niederrhein am Karvriidich (Karfreitag) sogenannten „sieben Fußfällen“: sieben Kreuzwegstationen, Bilderstöcke in Stein, auf denen das Leiden Jesu dargestellt war. Sie standen an Wegen oder Feldwegen. Bis etwa 1920 wurden sie im Alltag immer dann von sieben Mädchen oder Frauen zur Verrichtung von Gebeten aufgesucht, wenn ein Nachar im Sterben lag oder verstorben war. Noch heute gibt es die „sieben Fußfälle“ bspw. inViersen auf dem Weg von der Remigiuskirche über Löh- und Remigiusstraße bis zum Heiligenhäuschen am Klosterweiher oder auch in Oedt.

Bauern- und Wetteregeln Karfreitag:

»Wie Karfreitag der Wind steht, so steht er meisten während des ganzen Jahres. (Kommt der Wind aus Osten, wird der Sommer «

 

Wäksastich (Karsamstag)


Der letzte Tag der Karwoche ist der Karsamstag. Er endet mit dem Beginn der Feier der Osternacht. Sie gilt im Kirchenjahr als „Nacht der Nächte“. Es ist die Nacht der Auferstehung Jesu, was vielerorts mit Osterfeuern und dem Entzünden der Osterkerze begangen wird. Wäksastich wie der Karsamstag im Volksmund genannt wurde, war der Weißbrotsamstag. Es war der Tag an dem in den Familien das „Osterweißbrot“ gebacken wurde. Und wo man es sich leisten konnte, wurde zudem der „Osterschinken“ gekocht. In Krefeld-Hüls wurde gegen 17 Uhr festlich „bombaiert“. Dann wurden die festgestellten Glocken hoch oben auf dem Turm von zwei oder drei Männern mit dem Klöppel geläutet. Familien holten in Krügen, Kannen und Flaschen das Weihwasser in der Kirche ab und zuhause wurden alle Zimmer gründlich gefegt. Geschirr, Stühle, Tische und der Ofen gescheuert. Am nördlichen Niederrhein „im Klevischen“ nannte man das Großreinemachen an den Kartagen das „Judas auskehren“ – wobei Judas wohl für den Winter stand.

Quelle: "Durch das Jahr – Feste und Bräuche am Niederrhein" von H. Siemes/G. Philipps. Erschienen im Mercator-Verlag, ISBN 3-87463-371-3