Ein Herz für Greifvögel

Wo Greifvögel gesund gepflegt werden


Text + Bilder: Jutta Langhoff | NiederRhein Edition 02/2015

Wesel verbunden?“ „Ja, sind Sie. Was gibt es denn?“ „Ich habe einen verletzten Greifvogel gefunden und weiß jetzt nicht, was ich mit ihm machen soll. Können Sie mir vielleicht helfen?“ Solche und ähnliche Notrufe erreichen Karl-Heinz Peschen oft mehrmals im Monat. In der Regel setzt er sich dann - manchmal auch mitten in der Nacht - in sein Auto und fährt zu der von dem Anrufer genannten Stelle, um zu sehen, was mit dem Tier los ist. Gut 30 000 Kilometer legt er auf diese Weise jedes Jahr zurück, aber das ist es ihm wert. Denn Greifvögel haben ihn „schon immer fasziniert“, wie er in einem Gespräch mit Jutta Langhoff erklärte, das sie im Frühsommer diesen Jahres mit ihm in der von ihm initiierten Pflege- und Ausgewöhnungsstation für Greifvögel und Eulen auf dem Gelände der Weseler Schill-Kaserne führte.

Mehr als 30 Jahre ist es jetzt her, dass der heute 75-jährige, ehemalige Oberstabsfeldwebel der Bundeswehr seinen damaligen Vorgesetzten den Vorschlag machte, dort eine Art Reha-Klinik für verletzte und stark unterernährte Greifvögel zu errichten. Kein ganz so ungewöhnlicher Vorschlag, wie man im ersten Moment vielleicht glauben sollte. Immerhin hatte die Bundeswehr damals schon als erste und einzige Einrichtung ihrer Art Maßnahmen zum Schutz der Natur in ihren Regularien. Hier konnte sie beweisen, dass sie es damit ernst meinte. Und sie bewies es.


Inzwischen stehen auf dem gut einen Hektar großen Areal insgesamt 16 mehr oder weniger große Volieren, in denen Karl-Heinz Peschen zusammen mit zwei ehrenamtlichen Helfern rund 250 bis 300 Vögel pro Jahr betreut. Viele davon sind nur leicht verletzt oder vom Hunger geschwächt und können schon nach kurzer Zeit wieder in die Freiheit entlassen werden. Andere, wie ein kleiner, zurzeit dort untergebrachter Turmfalke, der sich an der Gasflamme eines Chemiewerkschornsteins schwere Verbrennungen zugezogen hat, müssen dagegen oft mehrere Monate in der Pflegestation bleiben. Als erfahrener Falkner weiß Karl-Heinz Peschen, wann ein Vogel so weit ist, sich draußen wieder selber ernähren zu können. Junge, verwaiste Schleier-eulen brauchen dazu zum Beispiel eine Ersatzmutter, die ihnen zeigt, was sie für eine erfolgreiche Mäusejagd wissen müssen. Für alle seine gefiederten Patienten gleichermaßen wichtig ist jedoch, dass sie nach der Ausgewöhnung ein zum Überleben geeignetes, neues Zuhause finden. Das ist in einer Zeit, in der „unsere bisher abwechslungsreiche, niederrheinische Kulturlandschaft immer häufiger eintönigen Maisfeldern zum Opfer fällt, leider nur noch selten der Fall“, bedauert er.

Um hier in Zukunft ein Umdenken zu bewirken, empfängt er in der Station jährlich etwa 150 Schulklassen und Kindergartengruppen. Aber auch Familien, Wander- und Fahrradgruppen oder interessierte Einzelpersonen sind herzlich willkommen. Dabei dürfen die Besucher einem Bussard auch schon mal vorsichtig über das Gefieder streicheln. Ein nicht nur für Kinder einmaliges Erlebnis. Natürlich darf man nicht allen Tieren so nahe kommen. So ist, zum Beispiel wenn die Vögel besonders scheu oder in der Mauser sind, oft nur ein ganz kurzer Blick in die Voliere erlaubt. Doch schon das lohnt sich.


In Karl-Heinz Peschens Greifvogelstation wurden neben Mäusebussarden, Turmfalken, Schleiereulen und Steinkäuzen auch schon so seltene Greife wie Kornweihen, Merline und Fischadler gesund gepflegt. Und wenn man viel Glück hat, kann man wie Jutta Langhoff bei ihrem Besuch im Frühsommer, sogar einem riesigen Uhu direkt in die gelben Augen schauen.


Die auf dem Gelände der Schill-Kaserne, in der Bocholter Straße 6 in 46487 Wesel befindliche Pflege- und Ausgewöhnungsstation für Greifvögel und Eulen wird unter der Trägerschaft des Naturschutzbundes (NABU Kreisgruppe Wesel) und des Kreises Wesel betrieben und vom Land NRW finanziert.

Besucher und Gruppen, die eine Führung wünschen, melden sich telefonisch bei Karl-Heinz Peschen unter 0178/3536666 oder 0152/29833794.