Humanitärer Parforceritt im Pamir

tajikaid: Medizinische Hilfe vom Niederrhein

NiederRhein Edition, Ausgabe 02/2017 | Text: Axel Küppers, Bilder: tajikaid


Tadschikistan ist eines der ärmsten Länder der Welt. Der Hinterhof der mächtigen Blöcke Russland und China, möchte man meinen. Und doch ist dieses kleine Land in Zentralasien geopolitisch spannend.

Der Veränderungsprozess ist im 27. Jahr der Unabhängigkeit von der ehemaligen Sowjetunion erstarrt. Willkürherrschaft regiert, Demokratie ist allenfalls in Ansätzen zu erkennen. Kein einfacher Ort, um Menschen zu helfen. Und doch: Inmitten des dramatisch schönen Hochgebirgslandes gedeiht ein medizinisches Hilfsprojekt. Die Initiative geht vom linken Niederrhein aus.

Vielleicht sind die Probleme des Landes, das doppelt so groß wie Bayern ist, sogar größer als seine steilen Berge. Tadschikistan: wild, zerklüftet, massiv, unzugänglich. Das Land im Hoch-gebirge zwischen Afghanistan, China, Usbekistan und Kirgistan ist für westliche Beobachter meist ein weißer Fleck auf der Landkarte Zentralasiens. Als Land an der Seidenstraße ranken sich bis heute Legenden um reitende Händler, die den textilen Reichtum vom Fernen Osten nach Europa trugen.

Doch das ist Vergangenheit. Wenn der Name Tadschikistan heute in den Nachrichten auf-taucht, dann meist in negativ besetzten Begriffen, von denen Armut und Korruption nur zwei sind. Ein Land, das den größten Teil seiner Wirtschaftskraft aus den Überweisungen der tadschikischen Gastarbeiter in Russland erhält, ist abhängig. Gerade jetzt, wo es mit der russischen Wirtschaft nicht rund läuft, sitzen viele auf der Straße. Die meisten Tadschiken verdienen weniger als 80 Dollar im Monat. Ein Drittel der Bevölkerung gilt als permanent unterernährt. Es gibt keine soziale Absicherung. Gesundheit kostet. Der tadschikische Staat kann nicht einmal Säuglinge gegen die gefährlichsten Kinderkrankheiten impfen lassen oder die Bürger im Winter mit ausreichender Elektrizität versorgen. „Es ist genau diese Zerrissenheit, warum wir uns in Tadschikistan engagieren“, sagt Martin Kamp. Der Kempener Hals-Nasen-Ohrenarzt hat vor acht Jahren angefangen, in Tadschikistan ein humanitäres Projekt aufzubauen. Das Projekt läuft unter dem Dach des Düsseldorfer Vereins „Vision teilen“ – eine franziskanische Initiative gegen Armut und Not.
 
Aus dem ursprünglichen Gedanken, die dort tätigen Kollegen mit Ausbildung zu unterstützen, wurde inzwischen ein umfangreiches Projekt für bedürftige Kinder. Im Fokus steht das Krankheitsbild der
„Lippen-, Kiefer- und Gaumenspalten“. Das ist eine Erkrankung, die dort so oft vor-kommt wie hierzulande. Im Schnitt kommt jedes 500. Kind mit dem Handicap auf die Welt. Jedoch gab es in Tadschikistan kaum eine Therapiemöglichkeit. Anders als in medizinisch entwickelten Ländern, mussten die „Spalt-Kinder“ in Tadschikistan lebenslang mit dem Makel durchs Leben gehen.

Und so bauten Dr. Kamp und seine Mitstreiter in der Klinik der Hauptstadt Duschanbe ein Zentrum für Kinder-Kieferchirurgie auf. Dieses Zentrum dient heute als Anlaufstelle für alle Kinder mit Gaumenspalten landesweit. Martin Kamp: „Die dortigen Kollegen wurden in unzähligen Operationseinsätzen durch erfahrene Kieferchirurgen aus Deutschland und Österreich unterstützt und fortgebildet.“ Das Fach der Kieferorthopädie ist neu eingeführt, ein sprachtherapeutisches Konzept umgesetzt worden.

Der Kempener HNO-Arzt Dr. med. Martin Kamp hat vor acht Jahren angefangen, in
Tadschikistan ein humanitäres Projekt aufzubauen.

Der Doktor vom Niederrhein hat ein internationales Team aus Ärzten, Pflegern und Helfern mobilisiert, Förderer und Fürsprecher gewonnen, ist immer wieder selbst nach Tadschikistan geflogen und hat entgegen dem Landestrend eine funktionierende Klinik entwickelt. Die Station „Karabolo“ trägt sich mittlerweile aus eigener Kraft. Der Leiter des Zentrums, Dr. Abdullo Hasanovic, ist stolz darauf, dass geschultes Personal die Patienten versorgen kann. Aus allen Teilen des Landes strömen Eltern in das Zentrum und lassen ihre Kinder mit der angeborenen Fehlbildung behandeln.

Sowohl die Klinik als auch die Behandlungskosten werden über Spenden, Stiftungsgelder, öffentliche Zuschüsse und jede Menge ehrenamtlichen Einsatz finanziert. „Es ist immer unser Ziel gewesen, dass die Klinik aus sich heraus arbeiten kann. Deshalb sind Schulungen sowohl der Ärzte als auch des Pflegepersonals elementar wichtig“, sagt Martin Kamp. Mit Dr. Hasanovic und den tadschikischen Gesundheitsbehörden ist der HNO-Arzt aus Kempen auf einem guten Weg. Kamp: „Nur über diesen Weg hat das Land eine Chance, sich aus dem Sumpf zu ziehen.“

Mit den neuen OP-Zentren, die in diesem Jahr dazu gekommen sind, haben die Initiatoren nun einen weiteren Meilenstein in der medizinischen Versorgung des Landes gesetzt. Die zwei OP-Zentren für Augen und Ohren sind Anfang 2017 in Betrieb genommen worden. „Auch in diesen Fachgebieten hat es gravierende Defizite in der Versorgung gegeben. So wurden Mandeloperationen bei Kindern ohne jegliche Narkose auf dem Behandlungsstuhl durchgeführt“, berichtet Kamp. Kindernarkosen waren kaum durchführbar. Das Gleiche galt für Ohr-Operationen. Es fehlte an allem: Hygiene, OP Material, Mikroskope etc. Auch hier wurde ganze Arbeit geleistet. Nach Eröffnung der OP-Räume unterzog Professor Dr. Jochen Windfuhr die neue Station einem Härtetest. Der Chefarzt der HNO-Klinik am Krankenhaus Maria-Hilf in Mönchengladbach führte binnen einer Woche über 60 teils sehr komplizierte Mittelohr-Operationen durch. Der Erfolg war durchschlagend. Martin Kamp kennt allerdings die Gefahren, vor denen auch sein humanitärer Einsatz nicht gefeit ist. „Sobald etwas in Tadschikistan funktioniert, droht es vereinnahmt und missbraucht zu werden.“ Der Mediziner arbeitet deshalb eng mit Botschaft, Behörden, Ministerien, Politikern und Regierungsverantwortlichen zusammen. Und so wächst Tag für Tag ein medizinisches Hilfswerk, dessen Kompetenz sich in Tadschikistan wie ein Lauffeuer verbreitet hat und aus allen Teilen des Landes Tadschiken mit Problemen im Kopfbereich anzieht.


Der humanitäre Parforceritt im asiatischen Hochland geht weiter. Das Wissen wird nicht wie ein Care-Paket aus dem Flieger abgeworfen, sondern in den Köpfen implementiert. Im November findet eine Regionalkonferenz statt unter Leitung der Kamp-Initiative, die sich TajikAid nennt. In der Universität in Duschanbe tauschen sich 500 Ärzte und Studenten aus. An dem Symposium nehmen nicht nur Kieferchirurgen aus Deutschland, Österreich und Tadschikistan teil, sondern auch aus Afghanistan, Kirgistan und Russland. Bildung ohne Barrieren. Darauf angesprochen, was ihn an Tadschikistan so fasziniert, sagt Martin Kamp: „Es sind die Menschen mit ihrer herzlichen Art. Da spürt man, dass Dankbarkeit ein Geschenk ist.“

Sowohl die Klinik als auch die Behandlungskosten werden über Spenden, Stiftungsgelder, öffentliche Zuschüsse und jede Menge ehrenamtlichen Einsatz finanziert.

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