Per Rad auf den Spuren Napoleons

100 km Nordkanal zwischen Neuss und Nederweert

NiederRhein Edition 01/2017 | Text: Sonja Raimann, Bilder: Tourismusbüro Limburg


Napoleon plante ihn aus Branntweinsteuern zu finanzieren und er sollte vom Rhein zur Maas und weiter bis zur Schelde führen: Sein Gran Canal du Nord sollte etwa 200 Kilometer lang sein und Antwerpen, damals französischer Seehafen, und die südniederländischen Gebiete auf kürzestem Weg mit den Handelszentren am Rhein verbinden.

Außerdem plante Napoleon, so den gesamten Handel mit dem europäischen Festland zu unterbinden – zum Ärger der Holländer. Ähnliche Pläne gab es schon einmal im 17. Jahrhundert, damals hatte die habsburgische Regentin Eugeniana mit dem Bau der Fossa Eugeniana Rhein, Maas und Schelde vernetzen wollen – der Kanal wurde nie vollendet. Auch für seinen Nordkanal hatte Napoleon große Pläne. Die Strecke wurde in zwei Sektionen geteilt – die Noordervaart von Antwerpen bis Venlo und den Nordkanal von Venlo bis nach Neuss.

Napoleons Chefingenieur Hageau arbeitete die Trassenführung des Kanals aus. Für den längsten Teil sollte sie dem Lauf des alten Rheintales folgen, das auf langer Strecke von der Niers durchflossen wird. Die Länge des Kanals vom Rhein bis zur Maas betrug insgesamt 53 Kilometer. Häfen waren unter anderem in Süchteln und Venlo geplant. Zugbrücken sollten den Verkehr der wichtigsten Straßen über den Kanal erleichtern, Fährverbindungen waren an kleineren Straße vorgesehen. Damit der Kanal auch im Sommer immer ausreichend Wasser führt, sollte er durch Niers und Erft gespeist werden. 1807 wurden mit den Baumaßnahmen begonnen. Die Strecke begann in Neuss am Rhein und hatte bereits nach 2 Kilometern eine technische Herausforderung zu meistern: Wo heute Selikumer Straße und Nordkanalallee kreuzen, wurde 1809 eine Wasserkreuzung konstruiert. Hier sollte das Flüsschen Obererft direkt durch den Kanal gelenkt werden, und dabei genug Kraft behalten, um zahlreiche Neusser Mühlen anzutreiben. Gleichzeitig durfte dadurch im Kanal keine heftige Querströmung entstehen, da diese das Treideln (Ziehen von Schiffen auf Wasserwegen durch Mensch oder Zugtiere) gefährdet hätte.

 

Napoléon konnte Großbritannien nicht mit militärischen Mitteln bezwingen, weshalb er die Kontinentalsperre verhängte, um die britische Wirtschaft zu schwächen.

Die Niederlande ignorierten dies jedoch, um ihrer eigenen Wirtschaft nicht zu schaden bzw. um wirtschaftliche Vorteile vom Blockadebrechen zu haben. Da der Schiffsverkehr auf Rhein und Maas über die niederländischen Seehäfen führte, suchte Napoléon eine Möglichkeit, um die Niederlande zu umgehen.

Eine direkte Verbindung vom Rhein über Maas und Schelde bis hin zu einem französischen Seehafen war die Lösung. Auf diese Weise konnten auch die hohen Flusszölle rheinabwärts umgangen werden. Als Seehafen bot sich Antwerpen an, der zu dieser Zeit unter französischer Kontrolle stand.

Für die erste Verbindung zwischen Rhein und Maas wurde der Bau des „Grand Canal du Nord“ befohlen.

Foto: Napoleon im Arbeitszimmer mit Hand in der Weste. Gemälde von Jacques-Louis David, 1812

Bis dahin waren die Holländer als Anrainer des Rheinmündungsgebietes Nutznießer des Handelsverkehrs mit England gewesen. Verständlich, dass sie sich den Plänen Napoleons widersetzten: Der Bau dieser Wasserstraße machte ihnen schließlich ihre gewinnbringende Schlüsselstellung streitig. Als 1810 das selbstständige Königreich Holland dem französischen einverleibt wurde, verlor Napoleon das Interesse an seinem Projekt, er stoppte die Bauarbeiten seines Gran Canal du Nord, zog die Gelder ab und anstelle feindlicher Gesinnung trat der Wunsch nach Versöhnung mit den Holländern.

Mündung in den Rhein bei Neuss: Topographische Aufnahme der Rheinlande um 1805, durch französische Ingenieugeographen unter Oberst Tranchot 1803-1813 und durch preußische Offiziere unter Generalmajor Freiherr von Müffling 1816-1820. (Blatt 44 - Düsseldorf, Ausschnitt Neuss. Quelle: wikipdia)

Dem Nordkanal erging es also wie der Fossa Eugeniana. Er blieb unvollendet – wenngleich er, in Fragementen realisiert (Schleuse Louisenburg, Erdwälle, Brücken, Brückenwärterhäuser, Kanäle, Hafen Neuss),  später die ursprünglichen Kanalparzellen mit neuen Trassen für Eisenbahnen und Straßen belegt wurde. So ist er heute doch auch noch an Stellen teilweise nachvollziehbar, wo er nicht realisiert wurde. Auch Straßennamen, wie "Am Nordkanal" verweisen hier und da auf das historische Projekt hin.

Heute kann die Geschichte des Nordkanals ideal mit dem Fahrrad erkundet werden. Zu verdanken ist das der Initiative des Arbeitskreises Nordkanal, die ihn im Rahmen der Euroga 2002plus neu in Szene gesetzt hat. Land-Art Projekt Fietsallee verbindet neue und alte Spuren rund um Napoleons Kanalprojekt und trägt damit der damaligen hohen Ingenieursleistung Rechnung.

Als Bodenmarkierung, in Form von Stelen sowie als blaue Markierung an Laternenpfosten markiert ein blaues Band die Fietsallee zwischen Neuss und Nederweert. Abseits der Fahrrad-route zeigen orange-weiß gestreifte Markierungsstangen, die an Vermessungsstangen erinnern, die geplante Trasse des Nordkanals. Blaue Fietsallee-Infotafeln halten Wissenswertes rund um den Kanal, Übersichtskarten mit Radrouten und Sehenswürdigkeiten für die Radfahrer bereit. Natürlich laden entlang der Strecke individuell gestaltete Rastplätze zur Pause ein. Eine Erlebnisbrücke zeigt, mit welchen Techniken Wasserstraßen früher überquert wurden. Baumreihen, blumengefüllte Nordkanalprofile und andere künstlerische Inszenierungen reihen sich entlang der Fietsallee. Die Fietsallee verbindet bis heute alle am Kanalbau beteiligten Ortschaften miteinander. Auf deutscher Seite sind es Neuss, Kaarst, Korschenbroich, Willich, Mönchengladbach, Viersen, Grefrath, Nettetal und Straelen. In den Niederlanden führt der Nordkanal über Venlo Maasbree, Helden und Meijel bis nach Nederweert.

Foto: Leisure Port

Los geht´'s

 

Wir starten am Rheinpark Neuss und bereits nach kurzer Zeit erreichen wir eines der historischen Kanal-Bauwerke, das „Epanchoir“ – eine Anlage zur Regelung des Wasserstandes. Immer am Nordkanal entlang führt die Fietsallee uns zunächst nach Kaarst, dann durch Korschenbroich und von hier nach Willich im Kreis Viersen. Nicht weit von der Fietsallee liegt Schloss Neersen mit seinem sehenswerten Schlosspark. Weiter auf der Route befinden wir uns bereits nach kurzer Zeit  auf Mönchengladbacher Gebiet. Im Norden Mönchengladbachs erwartet uns die Erlebnisbrücke Nordkanal: Über der Niers errichtet, symbolisiert diese Brücke erlebbare Technikgeschichte. Interessierte erreichen in einem Transportkorb mit Seilzug spielend das "rettende" andere Ufer und erleben hautnah diese außergewöhnliche Brückenkonstruktion, die nach Vorlagen und Konzepten aus dem 19. Jahrhundert entwickelt wurde. Weiter geht es durch die Stadt Viersen, vorbei am restaurierten Brückenwärterhäuschen nach Grefrath mit seinem Niederrheinischen Freilichtmuseum, um kurz darauf das Naturerlebnisgebiet Krickenbecker Seen zu erreichen.  Hier lockt ein artenreiches Naturschutzgebiet mit schönen Wanderwegen. Das Infozentrum an der Krickenbecker Allee in Nettetal  bietet eine gute Übersicht über Fauna und Flora. Die Fietsallee führt uns als nächstes nach Straelen. Hier lohnt ein Blick auf die alte Nordkanalschleuse Louisenburg bevor es über die deutsch-niederländische Grenze nach Venlo geht. Hier stellt das Limburgs Museum ein
weiteres lohnenswertes Highlight abseits der Route dar – das Museum zeigt die Geschichte Limburgs und ständig wechselnde Ausstellungen. Oder man macht ein Päuschen auf dem meist pulsierenden Rathausplatz mit seinen zahlreichen Cafés und Restaurants. In den Niederlanden kreuzt die Fietsallee nun die Maas. Von Venlo bis Maasbree bis Helden ist der Nordkanal ganz verschwunden. Von Helden über Meijel bis Neederwert zeigt sich dann die Noordervaart als befahrbare  Wasserstraße. Der Kreuzungspunkt mit einem weiteren Kanal, dem "Zuid-Wilemsvaart", markiert das Ende der  Fietsallee.

Weitere Informationen, Routenflyer mit Überscihtskarte und touristischen Infos auf www.nordkanal.info