Verdi, Paris und eine Pistole

„Taxifahrer-Geschichten“ vom Niederrhein


Text + Bilder: Petra Verhasselt | NiederRhein Edition 02/2014

Man könnte Bücher damit füllen, mit Geschichten aus dem Leben von Taxifahrern. Petra Verhasselt hat für uns unglaubliche und kuriose Stories vom Niederrhein gesammelt. Erzählt wurden sie von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Günter Knorrek Personenbeförderungs GmbH – Taxikunden rund um Krefeld besser bekannt als „Taxi 30 1000“ und „Die freundlichen Elche“.


„Chinesischer Umzug“

An einem Sonntagmorgen um kurz vor 5 Uhr werden zwei Kombis bestellt. Der Auftrag: ein Umzug nach Berlin. Eine Chinesin mit rund 120 Tüten und Taschen steigt in Krefeld zu. In Berlin angekommen, entwickelt sich die Situation nicht so positiv, wie es sich die Dame erhofft hatte. Also, „Kommado zurück“.

Unterwegs bekommen die Fahrer ein aufgeregtes Telefonat der Kundin mit – neues Fahrtziel:„Luxemburg“.
Über Krefeld, wo der Fahrer wegen Schichtwechsels getauscht werden muss, geht es nach Luxemburg. Dort wird die Chinesin lautstark empfangen - es ist aber das Gegenteil von Freudenjubel. Der Fahrer macht sich auf den Weg zurück. Am nächsten Morgen steigt bei einem Kollegen in Krefeld eine Dame ein, mit dem Hinweis, sie müsse dringend nach Berlin. Es ist dieselbe Frau, die am Vortag in Luxemburg die Taxifahrt beendet hatte. Sie muss über Nacht Luxemburg fluchtartig verlassen haben und nach Krefeld gefahren sein.

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Einmal „Dusche – Paris“

Morgens um 3 Uhr bekommt Zentralleiter Michael Knorrek den Auftrag, zwei Männer nach Paris zu bringen. Er wäre gern etwas später losgefahren, um sich noch frischmachen zu können. Doch die prompte Antwort des Kunden lautet:„Wir wollen sofort los! Sie können bei mir zuhause duschen und sich auch direkt neu einkleiden. Ich habe ein Herrenbekleidungsgeschäft.“

Frisch geduscht, geht es nach Paris. Auf das spontane Einkleiden verzichtete Michael Knorrek allerdings, „das war mir zu unangenehm“. Aber seit der Rückkehr von der Seine an den Rhein hat der Willicher Herrenausstatter einen neuen Kunden. Bis heute übrigens.

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„Rollmöpse“ mit Polizeischutz

 

„Die drei Rollmöpse hätte ich heute morgen mal weglassen sollen“, ist der erste Satz, den Thomas Klinke von einer Kundin hört, die er wegen starker Magenschmerzen zum Arzt fahren soll.

Die „Magenkrämpfe“ sind allerdings Wehen. Die Geburt kündigt sich in den nächsten Minuten auch überdeutlich an. Mit Taxi-Alarm - dabei blinken Taxischild und Scheinwerfer auf und der Wagen hupt unentwegt – rauscht der Fahrer über mehrere rote Ampeln und wird prompt von einem Motorradpolizisten angehalten. Der erkennt den Notfall und gibt bis zum Krankenhaus polizeiliches Geleit. Wie auch diese Fahrt, verläuft die Geburt ohne weitere Komplikationen. Es war ein Junge.

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Verdi mit Verlängerung

Während der Heimfahrt mit zwei Paaren läuft im Taxi von Yuriy Marinchenko die Klassik-CD mit dem Gefangenenchor aus „Nabucco“.
Zuerst leise, dann, auf Wunsch der Kunden, in „Opern-Lautstärke“. Das erste Paar steigt erst aus, als es das Stück zu Ende gehört hat. Auf der Weiterfahrt zur 2. Adresse möchte das zweite Paar das gesamte Stück noch einmal hören und wartet solange im Wagen, bis der letzte Ton verklungen ist. Eine „Zugabe“ war auch noch drin: ein großzügiges Trinkgeld für Yuriy Marinchenko.

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Von „5“ auf „500“

„Taxifahrer sind Verbrecher, fahren nur Umwege und sind sowieso alle doof.“ Solche und weitere Beschimpfungen muss sich Nachtfahrerin Eva Neumann anhören. Glücklicherweise ist die Fahrt für sie schon nach ein paar Minuten beendet. Preis: 4,90 Euro.  Der Kunde zückt einen 500 Euro-Schein. Den muss Eva Neumann wechseln. Also schlägt sie vor, eine Tankstelle anzufahren. „Komm, lass stecken. Kannst Du behalten“, ist die kurze Antwort des Fahrgastes. Eva Neumann bietet an, dass er sich das Wechselgeld in den nächsten 14 Tagen in der Zen-trale abholen könne und gibt ihm die Telefonnummer und ihre Wagennummer. Bis heute ist der Mann nicht erschienen...

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Der Mann, der nicht allein sein konnte

Zwischen 1980 und 1995 rissen sich sämtliche Krefelder Taxifahrer um diesen stadtbekannten Kunden. Er fühlte sich einsam und ließ sich immer wieder die verrücktesten Geschichten einfallen, um Gesellschaft zu bekommen. Fahrer haben bei ihm zuhause schon Hifi-Geräte „repariert“, bei denen er vorher die Kabel gezogen hatte. Sie sollten seine Wohnung saugen und Fenster putzen. Oder sich mit ihm gemeinsam ein Video ansehen. Einer dieser Abende wurde länger, und so orderte besagter Mann ein weiteres Taxi, das Pizza und Bier brachte. Vier Stunden später war der Kunde müde und bestellte für „seinen“ Taxifahrer ein „Pilot-Taxi“ mit zwei Fahrern, die den Kollegen und dessen Wagen sicher in die Zentrale chauffierten. Honorar für den Taxifahrer in seinem Wohnzimmer: eine anständig aufgerundete Summe der Einnahmen, die er regulär in der Nacht eingefahren hätte.

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„Dann wurde eine Pistole durchgeladen“

Dietzsch von einem Kollegen um Hilfe gebeten. Der habe einen Fahrgast, der nicht bezahlen wolle.
Am Auto angekommen, weigert sich der Mann weiter vehement, die 9,30 Euro zu zahlen. Bernd Dietzsch droht mit der Polizei – und hört dann, wie der Fahrgast hinter seinem Rücken eine Pistole durchlädt. Die vom Kollegen alarmierte Polizei rückt mit zwei Streifenwagen an, findet aber keine Waffe.

Die hatte der Mann in einem vermeintlich unbeobachteten Moment in eine Mülltonne geworfen. Bernd Dietzsch aber hatte das mitbekommen. In der Mülltonne fanden die Polizisten nicht nur eine Gaspistole, sondern auch jede Menge Bargeld. Das stammte von einem Raubüberfall in derselben Nacht.

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Beliebteste „Liegenbleiber“

Schlüssel, Regenschirme, Portemonnaies, Jacken und sogar Schuhe werden häufig im Taxi vergessen. Ganz vorne in der „Verliererliste“ stehen aber Handies und Tablet-PC‘s. Diese werden allerdings auch „gerne“ von späteren Fahrgästen „mitgenommen“. Brisantestes Fundstück war das Laptop eines Vorstandsvorsitzenden einer bekannten Süßwarenfirma mit vertraulichen Daten zum Jahresabschluss. Nachdem sich der Inhaber nicht meldete, durchforstete der Taxifahrer mit viel Mühe und Geschick die Laptop-Tasche nach Informationen. Schließlich fragte er sich in der Süßwarenfirma durch – wo er allerdings nach Strich und Faden abgekanzelt wurde. Trotz allem blieb er am Ball und erst nach einem intensiven Gespräch dämmerte es wohl auch endlich den Verantwortlichen des Unternehmens, um was es ging. Laptop-Tasche samt Inhalte konnten ihrem rechtmäßigen Besitzer zurück gegeben werden.    Dem Fahrer wurde eine „Belohnung“ versprochen – 14 Tage später kam sie: ein kleiner Süßwaren-Karton mit Probeartikeln. Dem Taxifahrer war der Appetit mittlerweile vergangen.

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