Rückblick mit Ausblick: Kultur in Neuss – Eine Erfolgsgeschichte

Wenn sich Dr. Rainer Wiertz Ende März »zur Ruhe setzt«, geht eine Ära zu Ende. Beinahe vier Jahrzehnte im Dienste der Kultur und vierunddreißig Jahre im Amte des Kulturreferenten der Stadt Neuss, hat er mit den von ihm betreuten Reihen Geschichte geschrieben: Die ZeughausKonzerte, die er 1984 übernahm, die Tanzwochen, für deren Programme er von der ersten Stunde an verantwortlich war, und das besonders berühmte, inzwischen dreißig Jahre alte Shakespeare Festival haben weit über die Grenzen der Stadt hinaus Anerkennung und Zuspruch gefunden. Wir haben uns mit Dr. Rainer Wiertz getroffen und er hat uns von »seinen drei Neusser Kindern« erzählt.

Drei Reihen mit eigener Geschichte und ganz eigenem Profil.
Zunächst die ZeughausKonzerte …

R.W.: Die ZeughausKonzerte sind aus einer privaten Initiative der »Gesellschaft für christliche Kultur« entstanden, einem Zusammenschluss Neusser Bürger, die nach dem Krieg – zunächst noch im Quirinus-Gymnasium – Konzerte durchführten. 1949 zog die Reihe in das renovierte Zeughaus um, ging anschließend in die städtische Trägerschaft über und erhielt damit ihren noch heute gültigen Namen. In den von Anfang an geführten Gästebüchern haben sich Dietrich Fischer-Dieskau, Peter Pears, Friedrich Gulda, Christian Gerhaher, Valer Sabadus und viele andere Berühmtheiten verewigt. Im Laufe der Jahrzehnte bin ich zu einem Spezialisten für Kammermusik und Liederabende geworden. Es gibt so viel herrliche Musik, auf die ich niemals verzichten könnte – darunter vieles von Beethoven, insbesondere auch von Schubert, vom »späten« Mozart und anderen, die von großer Bedeutung für mich sind. Letztlich sind mir diese Werke lieber als die Schöpfungen der Hoch-Romantik, die immer so viele Emotionen freisetzen, dass sie einen mit ihrer Wucht manchmal schier erschlagen. Deshalb rate ich den Künstlern, wenn sie beispielsweise das Klavierquintett von Schumann aufführen wollen, nicht auch noch einen Dvo?ák dazu zu nehmen, sondern eher etwas Modernes oder ganz Altes. Mir geht es da wie mit einer Hochzeitstorte: Sie sehen wunderbar aus, aber beim Probieren reicht ein kleines Stück. Bei musikalischen Programmen ist die Vielfalt wichtig. Man soll weder das Ohr noch den Geschmackssinn überfordern, sondern eine Abwechslung bieten, die an sich ja schon ein besonderes Vergnügen ist: Variatio delectat sagten die alten Römer, und delectare et prodesse – erfreuen und nützen.

Ein Blick in das Zeughaus Neuss mit Valer Sabadus
Valer Sabadus gehört nicht von ungefähr zu den bekanntesten Countertenören der Welt: Mit seiner glasklaren, leuchtenden Stimme und seinem samtweichen, runden Timbre erreicht er mühelos die Regionen eines Soprans. Auch in dieser Saison war Valer Sabadus wieder im Zeughaus, wo er eigentlich ein Konzert hätte geben sollen, das allerdings aus den bekannten Gründen nicht stattfinden durfte. Stattdessen hat der Künstler gemeinsam mit dem Cembalisten Luca Quintavalle im Zeughaus Neuss einen musikalischen Gruß aufgezeichnet. Auf dem Programm stehen drei Arien von Georg Friedrich Händel: Das berühmte Lascia la spina aus »Il Trionfo« und  Cara speme, questo core aus »Giulio Cesare«. Den Abschluss bildet Se bramate d'amar aus »Xerxes«, mit dessen Titelpartie Valer Sabadus sein gefeiertes Debüt an der Deutschen Oper am Rhein gegeben hat.

Die Tanzwochen entstanden 1983 zur Wiedereröffnung der kurz vorher renovierten Stadthalle ...

R.W.: Die Tanzwochen bilden das internationale zeitgenössische Tanzgeschehen ab. Diese Zielsetzung impliziert, dass es weder Nussknacker oder Schwanensee noch irgendwelche zu intellektuellen Aufführungen gibt, die einen intimeren Rahmen erfordern. Die Stadthalle hat elfhundert Plätze. Wenn wir die füllen wollen, müssen wir gewisse Namen ins Rampenlicht stellen. Gleichzeitig muss man damit rechnen, dass die Hälfte eines derart großen Publikums gern den Mainstream sehen will – nicht die vorderste Avantgarde oder klassische Ballette, wie man sie in Düsseldorf oder Essen besser finden wird. Zu unseren Highlights zählen die Martha Graham Dance Company und Alvin Ailey II aus den USA, das Hong Kong Ballet oder das französisch-algerische Tanzensemble von Hervé Koubi ... Es ist immer wieder faszinierend, die Ideen dieser Ensembles zu sehen, die auf ihren Tourneen gern bei uns in Neuss Station machen – nicht zuletzt auch vor den Tanzprofis aus unserer Region, die im Durchschnitt schätzungsweise zehn Prozent des gesamten Publikums ausmachen.

... und das Shakespeare Festival wurde 1991 gegründet, als das Globe-Theater nach Neuss kam…

R.W.: Wer das Festival noch nicht kennen sollte: Während vier Wochen gibt es Shakespeare in unterschiedlichsten Inszenierungen und Sprachen. Im originalen Englisch und auf Deutsch natürlich, aber auch in anderen Sprachen – vorausgesetzt, die Interpretationen sind interessant genug für Neuss, wo wir ja immerhin schon chinesische Versionen von Titus Andronicus und Macbeth, einen koreanischen Hamlet, ein japanisches Wintermärchen, einen litauischen Sturm und diverse ungarische Vorstellungen haben sehen können. Insgesamt gibt es von Shakespeare sechsunddreißig Stücke, von denen einige bei uns bis heute nicht aufgeführt wurden – Richard II. etwa und andere, die selbst in England kaum auf die Bühne kommen, weil sie sich schlechter als andere verkaufen.  Bei uns muss man sich um den Verkauf, Gott sei Dank, eigentlich nie Sorgen machen: Die Menschen kommen ins Globe-Theater, weil es da so nett ist – da gibt es den Shakes-Bier-Garten, das schöne Foyer in der alten Wetthalle, es gibt ausgesuchte Weine, Speisen und Picknickkörbe, man hat das Globe vor Augen, bekommt eine Dreiviertelstunde vor Beginn der Vorstellung eine Einführung und erlebt dann die Komödien, Tragödien, Historien hautnah mit – Wie es euch gefällt sozusagen.

... warum braucht der Mensch die Kultur?

R.W.: Der Mensch braucht Kultur zum Leben. Kultur ist Essen, Kultur ist Lieben, Kultur ist Kleidung, Kultur ist natürlich auch Kunst und Musik und alles andere. Kunst ist nicht, wie es jetzt gerade ständig heißt, systemrelevant. Das ist sie nur insofern, als sie das System dauernd in Frage stellt und keinesfalls am allgemeinen Unheil mitstrickt. Aber davon abgesehen, haben wir in dieser Pandemie-Zeit natürlich auch gesehen, was es bedeutet, wenn es so still wird. Das ist vielleicht zunächst ein Innehalten, ein Moratorium, ein Überlegen, wie es weitergehen und was man jetzt machen kann. Für dieses Jahr haben wir ein Programm konzipiert, das hoffentlich alle Unwägbarkeiten berücksichtigt. Sowohl bei den Tanzwochen als auch beim Shakespeare Festival muss man sich als Veranstalter derzeit natürlich fragen: Wen laden wir ein? Bleiben wir besser im engeren Europa, um die Chancen zu erhöhen, dass die eingeladenen Truppen auch wirklich kommen können?

Ihre Nachfolge für Shakespeare-Festival und Tanzwochen steht inzwischen fest ...

R.W.: Ich freue mich sehr über diese Entscheidung, die da getroffen worden ist. Ich bin sicher, dass es Frau Dr. Astrid Schenka gelingen wird, die Dinge gut – oder sagen wir: innovativ fortzuführen.

Das neue Kulturamt Neuss
Kulturreferent Dr. Rainer Wiertz geht Ende März in Ruhestand und der langjährige Kulturamtsleiter der Stadt Neuss, Harald Müller, wird im Sommer pensioniert. Für die kommenden Jahre wurde eine frisch konzipierte, zukunftsträchtige Struktur geschaffen: Die neue Amtsleitung wird die traditionsreichen ZeughausKonzerte planen und mit seinen drei Fachbereichsleitern die Neusser Kulturszene gestalten. Die neue Fachbereichsleiterin »Veranstaltungen« (Planung des Shakespeare Festivals und der Tanzwochen) ist Dr. Astrid Schenka, die in einem mehrstufigen Bewerbungsverfahren ausgewählt wurde.
Die Theaterwissenschaftlerin, Dramaturgin und Übersetzerin hat ihre Tätigkeit Anfang März 2021 angetreten und somit das Glück, von Dr. Wiertz wie auch Harald Müller eingearbeitet zu werden. Dr. Schenka studierte an den Universitäten Bochum und Wien Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften und promovierte an der Freien Universität Berlin, wo sie bislang als wissenschaftliche Mitarbeiterin im internationalen Forschungskolleg »Verflechtungen von Theaterkulturen« tätig war. Zudem hat sie einen Lehrauftrag an der Zürcher Hochschule der Künste. Der »Fachbereich 2« widmet sich der örtlichen Kulturförderung und der kulturellen Bildung: Christian Weber wird hier neue Konzepte zur Kultur entwickeln und Akzente setzen können (Digitalisierung, Kontakt mit Schulen), und er organisiert die verschiedenen Wettbewerbe vom Kunstförderpreis der Stadt Neuss und Young Stage bis zum Kompositions- und zum Kirchenmusikwettbewerb. Dazu kommen die Programme der Weltmusik-Reihe Acoustic Concerts. Im Fachbereich der stellvertretenden Amtsleiterin Ingeborg Begalke laufen dann die finanziellen Fäden zusammen. Hier geht es um »Grundsätzliches«, um die Kommunikation mit den anderen Instituten und das Gebäudemanagement für das Globe Theater.

Foto Dr. Astrid Shenka, Fotografin: Christina Stivali

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