Haldern Pop: Applaus – Applaus für dieses Festival!

Hier würden sich normalerweise Hase und Igel „Gute Nacht“ sagen – wenn nicht an diesem verlängerten Augustwochenende 7.000 Menschen auf den etwas außerhalb des Halderner Dorfkerns gelegenen Kuh- und Pferdewiesen Party machen würden. Vom ganzen Niederrhein ist das musikbegeisterte Publikum nach Rees gereist. Nein, natürlich nicht nur vom Niederrhein, sondern noch von viel weiter, denn das Haldern-Pop-Festival hat in der Indie-Pop-Szene ein Alleinstellungsmerkmal erreicht. Es gilt im 43. Jahr als das zweitälteste durchgängig bespielte Open-Air-Festival Deutschlands. Das hätten sich die Veranstalter, als sie 1984 in einer Messdienergruppe die Idee hatten, hier etwas Größeres aufzuziehen, bestimmt nicht träumen lassen.
An der Straße zu den Campingwiesen fällt von Weitem direkt ein Schild auf: Eine Kuh, die auf dem Rücken liegt, die vier Beine abgespreizt in die Höhe. Jetzt könnte man meinen, es bedeute: Hier bitte keine Kühe umschubsen! Das wäre sicherlich versponnen genug für die Macher vom Haldern-Pop, zumal auf den anrainenden, abgemähten, strohig-staubigen Kuhwiesen unzählige Besucherautos parken – ernsthafter ist aber der Hintergedanke. Bei näherem Hinsehen sollen die roten Kringel auf dem Schild Kronkorken von Bierflaschen darstellen, die man doch bitte nicht auf den Wiesen liegen lassen möge. „Es ist vorgekommen, dass Kühe später die Korken mit Gras und Heu vermischt gefressen haben“, sagt uns Sabine. „Und dann umgefallen sind.“ Diese Korken aus Weißblech und Aluminium könnten selbst von den vier Mägen der Wiederkäuer nur schwerlich verdaut werden, erklärt uns die resolute Mittsechzigerin.
Auch deswegen stünden der Umwelt- und Naturschutzgedanke und die Müllvermeidung beim Festival im Vordergrund. Sabine ist jetzt fast 40 Jahre im Organisationsteam dabei, kennt das Event noch aus den Kinderschuhen. „Das ganze Dorf ist irgendwie involviert, bestimmt 600 Leute helfen hier dieses Jahr aktiv mit“, weiß die Frau mit der Brille und Bob-Frisur. Das ist quasi jeder zehnte Einwohner. „Morgen bin ich am Weinstand eingeteilt, da helfe ich inzwischen am liebsten.“ Betätigungsfelder haben die Helfer genug: vom Zapfen und Ausschenken am Bierstand, Kuchenbacken und -verkaufen, Grillen und Ordnerdienst bis zum Bechereinsammeln. Aber warum das? Gibt es kein Pfand mehr für die Plastikbecher? „Es hat sich tatsächlich nicht gelohnt, dafür einen Euro Pfand zu nehmen, weil es den Leuten in vormaligen Jahren nicht wichtig genug war, für das Geld die Becher zurückzubringen“, erklärt Sabine.
Ein paar Meter weiter sitzen Harold und Miriam an der spartanischen, aber gemütlichen Biergartengarnitur. Sie sind aus den Niederlanden angereist, aus Nijmegen. „Wir finden dieses Festival so besonders, weil wir so etwas in Holland nicht haben. Bei uns sind die Festivals viel kommerzieller als das Haldern-Pop“, meint Miriam. Das Pink-Pop-Festival im niederländischen Landgraaf sei ein Beispiel für die fortschreitende Kapitalisierung von Open-Air-Veranstaltungen im Nachbarland – das Haldern-Pop braucht den Merchandise-Stand mit T-Shirts etc. für die Refinanzierung des nächsten Festivals.
Campen werden die beiden sympathischen Niederländer jedenfalls nicht zusammen in Haldern. Miriam fährt zurück ins nahe Holland, um am nächsten Tag fit zurückzukehren, Harold nimmt die Verspannungen an Nacken und Rücken im Zelt in Kauf, die sich unweigerlich durch Isomatte und vom Boden aufziehende kalte Feuchtigkeit in der Reeser Nacht ergeben werden. Beide wollen aber am Freitag noch zusammen The Notwist und den großartigen israelischen Entertainer Asaf Avidan sehen.
Wir finden, um zu suchen
Auch wenn die Halderner, so wie jedes Jahr, die Kirche im knapp zwei Kilometer entfernten Dorf lassen, so entwickelt sich auf den drei säkularen Bühnen der Mainstage, dem Niederrheinzelt und dem Spiegelzelt ein Hochamt der unabhängigen Popmusik. The Notwist liefern ein solides Programm vorwiegend aus den Alben „Vertigo Days“ und dem neuen Werk „News from Planet Zombie“. Zwischendurch fließen Sequenzen aus dem „Neon Golden“-Album ein, die Nummern „Pilot“ und „Pick up the Phone“ laden zum Mitsingen ein, für den, der sie erkennt, denn auch die hartgesottenen Kenner der Band aus Weilheim müssen ihre Gehörgänge durch die ganze Frickelei von Samples, Vibra- und Susaphonspiel zumindest bis zum Refrain freispülen, um die Songs zu identifizieren.
Später fragt man sich, welche Sprechstimme eigentlich dieser knarzig-schrullige Sänger Asaf Avidan hat, der sich da teilweise countertenorartig in obere tonale Höhen schraubt, ja manchmal so rauchig und rau klingt wie Marla Glen. Jedenfalls: Die ausgeklügelten Songs, die er mit seiner Band performt, haben teilweise Operncharakter und dementsprechend divenhaft und vollkommen durchchoreografiert bewegt sich Asaf Avidan am Schluss mit halboffenem weißen Hemd über die Bühne. Dabei wirkt er wie der begnadete, aber verzweifelte Sänger Orpheus, der liebestrunken über den stürmischen Styx schippert.
Zur Pilgerstätte wurde auch die St. Georgs-Kirche bei den Konzerten von Bonnie „Prince“ Billy, aka Will Oldham, der mit seinem melancholischen Americana-Folk-Blues-Gemisch das traurige Lebensgefühl der US-Landbevölkerung vermittelt. Dazu kamen Cantus Domus, die den Gästen eine lateinische Messe sangen, und da war noch Sara Parkman. Sie war es auch, die zur Primetime am Freitag auf der Niederrhein-Bühne ihren Weltschmerz herausschrie. Erinnerungen an Lisa Gerrard von Dead Can Dance wurden wach bei ihrem Gesang. Eine Entdeckung im Spiegelzelt war die total verspielte US-Band „Horselords“, die teilweise wie „Tortoise“ ohne Gesang mit Ambient-Rock rüberkam.
Am Samstagabend übernahmen dann die „Sportfreunde Stiller“ die Hauptbühne, liebevoll „Die Sportis“ von ihren Fans genannt. Sie brachten dieses alle verbindende musikalische Element ein, denn tatsächlich fanden sich etwa 5.000 junge und ältere Musikfans vor der Bühne zusammen und verweilten dort bei ihren vielen Hits. Pünktlich zum Anstoß kam noch eine Mannschaft der HSG Haldern-Mehrhoog-Isselburg in ihren rot-weißen Trikots vorbei, die Sportfreunde traten mehr in Schwarz-Weiß an, in ihrem gewohnt berufsjugendlichen Outfit, mit langer Trainingshose und Basecap.
Es war dennoch ein Heimspiel für sie, denn als Sänger Peter Stephan Brugger das Publikum fragte, wie viele Zuschauer alle inzwischen vier Konzerte der Sportfreunde auf dem Haldern-Pop gesehen hätten, gingen zahlreiche Hände in die Höhe. Die Jahreszahlen ihrer Auftritte in Rees – 1999, 2000, 2005 und 2026 – eignen sich leider nicht dazu, einen Hit daraus zu basteln, wie sie es mit „54, 74, 90, 2006“ zum „Sommermärchen“ schafften. Aufgrund des bescheidenen Abschneidens der deutschen Mannschaft bei der WM sparten sie diesen Mega-Hit allerdings besser aus. Stattdessen gab es eine Würdigung der Deutschland-Bezwinger in Form des ehemaligen Nationalspielers Paraguays, Roque Santa Cruz, in dem Song „Ich Roque!“ als Zugabe – und tatsächlich rockten da die Fans mit ihnen. Und es gab viel „Applaus – Applaus für ihre Worte“ ...
Inzwischen hat Sabine ihre Schicht am Weinstand hinter sich und nippt an einem Glas kühlem Weißwein bei immer noch Temperaturen um die 30 Grad. Welchen Act wünscht sie sich in den nächsten Jahren für das Haldern-Pop? „Also, U2 wäre mal nicht schlecht hier“, sagt die engagierte Helferin. Allerdings müssten dann noch mehr anrainende Landwirte ihre Flächen zur Verfügung stellen und Hase und Igel würden wohl gänzlich das heimelige Biotop verlassen.
Text: Stephan Sadowski | Bilder: Marek Holuscha, Stephan Sadowski
Das 44. Haldern Pop Festival findet vom 11. bis 14. August 2027 in Rees-Haldern statt. Der offizielle Ticket-Vorverkauf für die nächste Ausgabe beginnt am 1. Oktober 2026.
ZUM TICKETSHOP
www.haldernpop.com





































