Vor 40 Jahren: Das Wunder von der Grotenburg
Als am 19. März 1986 die Flutlichter der Grotenburg-Kampfbahn in Krefeld angingen, war es zunächst „nur“ ein Europapokalspiel. Viertelfinale im Pokalsieger-Wettbewerb, Bayer 05 Uerdingen gegen Dynamo Dresden. Doch schon vor dem Anpfiff lag über dieser Partie etwas, das sich nicht allein mit sportlicher Spannung erklären ließ.
Ein Verein aus der Bundesrepublik, ein Klub aus der DDR. West gegen Ost. Zu einer Zeit, in der Deutschland noch geteilt war, waren solche Begegnungen immer etwas Besonderes und die Emotionen förmlich greifbar.

Zwischen Alltag und System
Die Gäste aus Dresden reisten einen Tag vor dem Spiel mit einer Maschine der DDR-Fluglinie Interflug nach Düsseldorf. 16 Spieler und acht Betreuer, unter ihnen junge Talente wie Matthias Sammer und Ulf Kirsten, die später auch im gesamtdeutschen Fußball große Namen werden sollten.
Untergebracht war die Mannschaft im Hansa-Hotel am Krefelder Hauptbahnhof. Dort kam es zu Begegnungen, die so nur in dieser besonderen Konstellation möglich waren. Fans, darunter auch ausgebürgerte Sachsen, suchten die Nähe zur Mannschaft. Zwischen Mittagsruhe und Training blieb Zeit für einen kurzen Gang durch die Innenstadt. Ein Besuch im Kaufhof, Kaffee und Kuchen, ein kleines Gastgeschenk – einfach so.
Denn, was heute beiläufig klingt, war damals alles andere als selbstverständlich. „Freies Stöbern“ – so wurde von der Westdeutsche Zeitung beschrieben. Und doch blieb es wohl nur „beim Schauen”, gekauft wurde offenbar nichts.
Auch sportlich war die Ausgangslage ungleich. Während Uerdingen kurz zuvor noch ein Bundesligaspiel gegen Borussia Dortmund bestritten hatte, war Dynamo Dresden ausgeruht angereist. Das geplante Ligaspiel gegen Lok Leipzig war abgesagt worden, Trainer Klaus Sammer hatte sich stattdessen das Spiel der Uerdinger genau angesehen – als Vorbereitung auf dieses besondere Duell.
Ein Spiel, das verloren schien
Auf dem Papier war die Aufgabe für Bayer Uerdingen ohnehin gewaltig. Das Hinspiel in Dresden hatten die Krefelder mit 0:2 verloren. Und auch an diesem Abend schien alles gegen sie zu sein.
Noch bevor die zahlreichen Zuschauer ihren Platz richtig gefunden hatten, traf Dynamo Dresden zur frühen Führung. Wolfgang Funkel schoss zwar kurz darauf den Ausgleichstreffer, doch die Dresdener konterten in der 36. Minute zum 1:2, und in der 42. Minute fiel gar das 1:3.
Viele der rund 17.000 Zuschauer in der Grotenburg verließen bereits zur Halbzeit das Stadion.
In der Kabine versuchte Kapitän Matthias Herget , die Situation auf den Punkt zu bringen. Keine großen Worte, eher eine nüchterne Einschätzung: Entweder man dreht dieses Spiel noch, oder man geht unter.

45 Minuten, die alles veränderten
Was dann folgte, entzieht sich bis heute jeder klaren Erklärung. Und wer übereilt das Stadion verlassen hatte und auf dem Heimweg im Radio hörte, was sich dort gerade ereignete, kehrte umgehend und rasch zurück.
Mit Beginn der zweiten Halbzeit veränderte sich die Dynamik. Uerdingen spielte offensiver, mutiger, mit einer Entschlossenheit, die zuvor nicht zu sehen war. Und plötzlich fiel ein Tor. Dann ein weiteres. Und noch eins.
Das Spiel kippte – erst langsam, dann mit jeder Minute deutlicher.
Draußen, auf den Straßen rund um die Grotenburg, hörten viele, die bereits gegangen waren, die Radioreporter. Sie berichteten von einer Aufholjagd, die kaum zu glauben war. Einige kehrten um. Andere liefen zurück, um noch zu sehen, was dort gerade geschah.
Auf dem Platz entwickelte sich ein Spiel, das sich gegen jede Logik stellte.
Wolfgang Funkel (58. Minute/Elfmeter), Ralf Minge (62. Eigentor – in Statistiken und Berichten wird Larus Gudmundsson als Torschütze zum 3:3 genannt), Wolfgang Schäfer (66.), Dietmar Klinger (78.), Wolfgang Funkel (80./Elfmeter) und Wolfgang Schäfer (86.):
Sechs Tore in einer Halbzeit. Ein Ergebnis, das am Ende bei 7:5 stand.
Wolfgang Schäfer, einer der Torschützen, fand später Worte, die bis heute mit diesem Abend verbunden sind: „Das ist ein Fußballwunder.“
Ein Stadion im Ausnahmezustand
Mit dem Abpfiff gab es keine klare Trennung mehr zwischen Rängen und Spielfeld. Fans stürmten auf den Platz, rissen den Spielern die Trikots vom Leib. Die Mannschaft wurde durch ein Spalier aus jubelnden Menschen in Richtung Kabine begleitet.
Viele Spieler lagen sich in den Armen, einige weinten – vor Erschöpfung und vor Glück. Es regnete. Und für einen Moment schien alles andere keine Rolle mehr zu spielen.
In der anschließenden Pressekonferenz sagte Trainer Feldkamp: „Bitte erwarten Sie nicht von mir, dass ich Ihnen das erkläre.“ Dresdens Trainer Klaus Sammer attestierte seiner Mannschaft, dass man Dynamo keinesfalls zur internationalen Spitze rechnen dürfe. „Ich bin sehr, sehr enttäuscht“, so Sammer.

Eine Nacht, die eine zweite Geschichte schrieb
Doch dieser Abend endete nicht mit dem Schlusspfiff. Am nächsten Morgen zeigte sich, dass dieses Spiel weit über das hinausging, was auf dem Rasen der Grotenburg passiert war. Einer fehlte.
Der Dresdner Spieler Frank Lippmann war nicht mehr im Mannschaftshotel. Noch in der Nacht hatte er sich unbemerkt abgesetzt. Während seine Mitspieler zurück in die DDR reisen sollten, nahm er einen anderen Weg – einer, der sich nicht mehr umkehren ließ.
Die Umstände wirken rückblickend fast beiläufig und sind gerade deshalb so eindrücklich. Auf derselben Etage des Hansa-Hotels wohnte ein Discjockey, den Lippmann noch aus Dresden kannte. Wie andere ausgebürgerte DDR-Bürger hatte er sich bewusst dort einquartiert. Auf dem Flur kam es zu einer kurzen Begegnung. Ein Satz, der fiel und hängen blieb: „Jetzt oder nie.“ Unten in der Tiefgarage stand ein Wagen bereit. Wenig später verließ Lippmann das Hotel – mit dem Fahrstuhl nach unten, hinaus in die Nacht, Richtung Bayern.
In der DDR ließ die Reaktion nicht lange auf sich warten. Die staatliche Nachrichtenagentur ADN verbreitete ungewöhnlich schnell eine Erklärung, in der von Verrat die Rede war. Man sprach von Geldversprechen aus dem Westen, von „sportfeindlichen Kreisen“. Die Sprache war eindeutig, das Urteil längst gefällt.
Währenddessen begann im Hintergrund ein ganz anderes Kapitel. Mitarbeiter der Staatssicherheit suchten Lippmanns Familie auf, befragten Verwandte und seine Verlobte. Ziel war es, ihn zur Rückkehr zu bewegen. Ohne Erfolg. Seine Stasi-Akte soll später rund 1.200 Seiten umfasst haben. Seine Verlobte und das gemeinsame Kind sah er erst Jahre später wieder – 1989, nach deren Flucht über Ungarn.
Lippmann selbst tauchte nach wenigen Tagen in Nürnberg auf, wo Verwandte lebten. Dort begann er, bei Fußball-Bundesligisten 1. FC Nürnberg mitzutrainieren, später spielte er unter anderem in Nürnberg und Mannheim sowie für Vereine in Österreich und der Schweiz. In Interviews beschrieb er seine Flucht später nicht als lange geplanten Schritt, sondern als Momententscheidung – eben: Jetzt oder nie.
Auch für Dynamo Dresden blieb diese Nacht nicht ohne Folgen. Trainer Klaus Sammer wurde kurze Zeit später entlassen. In einem System, in dem Sport nie unpolitisch war, hatte ein solcher Vorfall immer Konsequenzen.
Ein Spiel, das geblieben ist
Sportlich endete die Reise für Bayer Uerdingen wenig später im Halbfinale gegen Atlético Madrid. Doch das rückte schnell in den Hintergrund. Das Fußballmagazin „11 Freunde“ bezeichnete die Partie später als das „größte Fußballspiel aller Zeiten“. Vielleicht nicht, weil es perfekt war. Sondern weil es alles in sich getragen hat, was Fußball ausmachen kann – und darüber hinaus.
Vierzig Jahre später ist das „Wunder von der Grotenburg“ deshalb mehr als eine Erinnerung an sieben Tore. Es ist ein Moment, in dem sich Sport und Zeitgeschichte berührt haben.
Text: Sonja Raimann | Quelle: Stadt Krefeld


























