„Mythos Wald“ im Gasometer Oberhausen

Zwischen Sehnsuchtsort, Lebensraum und Alarmzeichen

Es gibt kaum einen Ort, der so viele Bilder in uns auslöst wie der Wald. Für die einen ist er Rückzugsraum, für andere Kindheitserinnerung. Er ist Schauplatz von Märchen und Mythen, Ort stiller Spaziergänge und zugleich ein hochkomplexes Ökosystem, ohne das unser Leben, wie wir es kennen, kaum denkbar wäre. Genau an dieser Schnittstelle setzt die neue Ausstellung „Mythos Wald“ an, die vom 20. März bis 30. Dezember 2026 im Gasometer Oberhausen zu sehen sein wird.

Wer den Gasometer kennt, weiß, dass hier große Themen nicht nüchtern abgehandelt, sondern in Szene gesetzt werden – allerdings nicht als bloßes Spektakel, sondern in einer Form, die Wissen, Atmosphäre und emotionale Wucht miteinander verbindet. Nach „Das zerbrechliche Paradies“ und „Planet Ozean“ ist „Mythos Wald“ nun der dritte Teil einer Trilogie, die sich mit den Lebensräumen unseres Planeten beschäftigt. Wieder geht es um nicht weniger als die Frage, wie wir auf diese Erde schauen – und wie wir mit ihr umgehen.

Der Wald als lebendiger Organismus

Schon die ersten angekündigten Bilder und Exponate machen deutlich, dass diese Ausstellung nicht bei der romantischen Vorstellung vom Wald stehenbleiben will. Ein ausgestorbenes Tier wie der Riesenhirsch, Wolfsgeheul, großformatige Fotografien, Filmsequenzen, Kleinstlebewesen, Bären, Eulen, Faultiere und dazu eine monumentale Lichtinstallation – all das soll im Gasometer nicht einfach nebeneinanderstehen, sondern ein Gesamtbild entstehen lassen. Eines, das den Wald nicht als Kulisse zeigt, sondern als lebendigen, verletzlichen, faszinierenden Organismus.

Im Zentrum steht dabei die Vielfalt. Wälder sind eben nicht nur das, was wir hierzulande vor Augen haben, wenn wir an Buchen, Kiefern oder Fichten denken. Rund um den Äquator wachsen tropische Regenwälder von fast verschwenderischer Fülle, in Kalifornien ragen Baumriesen in den Himmel, und in den Transsilvanischen Alpen existieren noch Urwälder, die als die letzten Europas gelten. Daneben steht der „deutsche Wald“, aufgeladen mit kulturellen Bildern, mit Erinnerungen, mit Idealisierungen. Auch dieser Blick gehört dazu. Denn Wälder sind nicht nur naturkundlich interessant. Sie sind auch Projektionsfläche.

Zwischen Schönheit und Bedrohung

Gerade das scheint die Ausstellung ernst zu nehmen. Sie will den Wald weder verklären noch auf einen Krisenraum reduzieren. Vielmehr zeigt sie ihn in seiner Schönheit und in seiner Bedrohung. Das macht die Sache spannend. Denn genau darin liegt ja die eigentliche Herausforderung: Dass etwas gleichzeitig berührend schön und zutiefst gefährdet sein kann.

Von Riesenhirsch bis Bärtierchen

Zu den auffälligsten Exponaten gehört das Originalskelett eines Riesenhirschs, eines Tieres, das vor rund 7000 Jahren ausgestorben ist und mit seinem mehr als drei Meter breiten Geweih allein schon durch seine körperliche Präsenz beeindrucken dürfte. Hinzu kommen Tierpräparate und naturkundliche Objekte aus den Beständen des Museum Koenig Bonn, des LWL-Museums für Naturkunde und des Ruhrmuseums. Doch die Ausstellung interessiert sich nicht nur für das Große, Spektakuläre und Offensichtliche. Gerade die oft übersehenen Bewohner des Waldes bekommen ebenfalls Raum: Kleinstorganismen, Schleimpilze, Armeisen oder das fast niedlich wirkende Bärtierchen. Auch das ist ein kluger Zugang. Denn wer über Wald spricht, spricht eben nicht nur über Bäume.

Kuratiert wird „Mythos Wald“ unter Leitung von Jeanette Schmitz, gemeinsam mit Thomas Wolf und Nils Sparwasser. Schmitz beschreibt die Ausstellung als Fortsetzung eines Ansatzes, der im Gasometer inzwischen fast so etwas wie eine Handschrift geworden ist: wissenschaftlich fundiert, aber nicht trocken; künstlerisch inszeniert, aber nicht beliebig. Dass dabei auch die Folgen des Klimawandels und mögliche Lösungsansätze thematisiert werden, überrascht nicht. Es gehört inzwischen zu den Stärken der Oberhausener Ausstellungen, dass sie nicht nur beeindrucken, sondern Orientierung anbieten wollen.

Schleimpilz mit Kellerassel. Foto: Gasometer Oberhausen/©Barry Webb
Bärtierchen. Foto: Gasometer Oberhausen/©Oliver Meckes und Nicole Ottawa
Waldohreule. Foto: Gasometer Oberhausen/©Solvin Zankl

Ein Sonnenaufgang rund um den Globus

Besonders interessant klingt in diesem Zusammenhang die Installation „Global Sunrise“. Die Idee dahinter ist ebenso einfach wie wirkungsvoll: Irgendwo auf der Welt geht immer gerade die Sonne auf. Genau dieser Moment des Erwachens soll in einer audiovisuellen Arbeit erfahrbar werden. Klänge aus Wäldern auf fünf Kontinenten, aufgenommen von Chris Watson, einem international renommierten Spezialisten für Naturklangaufnahmen, werden im Gasometer zu einem räumlichen Erlebnis komponiert. Die Lichtgestaltung übersetzt diese Stimmung in eine Art poetischen Waldrand. Das klingt nicht nach klassischer Wissensvermittlung, sondern nach sinnlicher Annäherung – und vielleicht gerade deshalb nach einem Zugang, der lange nachwirkt.

Einen ganz anderen Ton schlägt das interaktive Exponat „Der lebendige Wald“ an. Hier geht es nicht um Atmosphäre, sondern um Sichtbarmachung. Entwickelt mit Esri, soll es zeigen, wie Erdbeobachtung und künstliche Intelligenz Veränderungen in Wäldern erfassen können: von großflächiger Rodung bis hin zu Stresssignalen auf Blattebene. Diese Verbindung von Naturraum und Technologie mag zunächst kühl wirken, ist aber hochaktuell. Denn wenn Wälder weltweit unter Druck geraten, dann braucht es nicht nur Gefühle für sie, sondern auch Werkzeuge, um ihren Zustand zu verstehen.

Wie ernst die Lage ist, zeigt eine Zahl, die im Zusammenhang mit der Ausstellung genannt wird und die auch nach dem Lesen noch nachhängt: Allein im Jahr 2024 wurden 6,7 Millionen Hektar Primärregenwald zerstört. Solche Dimensionen entziehen sich eigentlich jeder Vorstellung. Vielleicht braucht es gerade deshalb Ausstellungen wie diese, die versuchen, aus abstrakten Größen wieder konkrete Bilder und Erfahrungen zu machen.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Amazonasgebiet. Die Fotografien von Sebastião Salgado, einem der bedeutendsten Fotografen unserer Zeit, richten den Blick auf einen Naturraum, der nicht nur ökologisch von weltweiter Bedeutung ist, sondern auch kulturell und politisch. Salgado hat dort nicht nur Landschaften fotografiert, sondern auch indigene Gemeinschaften, die diesen Raum mitprägen und schützen. Dass seine Bilder nun im rauen, industriellen Innenraum des Gasometers gezeigt werden, verspricht eine starke Spannung: zwischen Natur und Architektur, zwischen Zartheit und Wucht, zwischen Nähe und Distanz.

Der Höhe(n)punkt: „Der Baum“

Den dramaturgischen Höhepunkt der Ausstellung bildet eine Installation mit dem schlichten Titel „Der Baum“. Dahinter verbirgt sich nicht weniger als die größte Innenraum-Lichtkunstinstallation der Welt. Allein diese Behauptung ist groß. Entscheidend wird aber sein, ob die Arbeit mehr kann als bloß beeindrucken. Nach der Beschreibung sieht es danach aus. Die Installation will nicht einfach einen Baum nachbilden, sondern ihn als lebendiges System erfahrbar machen: Wurzelwerk, Zirkulation, Wachstum, Zeit. Entwickelt wurde sie von Ars Electronica Solutions, die in der Medienkunst seit Jahren Maßstäbe setzen. Gemeinsam mit der eigens komponierten Musik von Rupert Huber soll hier ein Raum entstehen, der den Baum nicht erklärt, sondern übersetzt. Nicht naturkundlich, sondern sinnlich.

Wald erleben und verstehen

Dabei bleibt die Ausstellung nicht im Gasometer selbst stehen. Auf dem Gelände wird mit dem „WaldRaum“ ein pädagogisches Angebot geschaffen, in dem Försterinnen, Ranger und Pädagoginnen des Regionalverbands Ruhr Wissen über heimische Wälder vermitteln. Direkt gegenüber entsteht mit dem „Zukunftswald“ zugleich ein Beitrag der Internationalen Gartenausstellung 2027. Auch das passt ins Bild: Wald nicht nur als Thema der Vergangenheit oder der Sehnsucht, sondern als Zukunftsfrage.

Dass der Gasometer mit „Mythos Wald“ bewusst auch junge Besucherinnen und Besucher erreichen will, zeigt die erneute Kooperation mit der Deutschen Postcode Lotterie, die vergünstigte Eintritte für Schulklassen unterstützt. Das ist mehr als nur ein organisatorisches Detail. Es zeigt, dass diese Ausstellung nicht nur für das staunende Publikum am Wochenende gedacht ist, sondern auch als Lernort verstanden wird.

Ein starkes Netzwerk hinter der Ausstellung

Auffällig ist außerdem, wie breit das Netzwerk der Partner aufgestellt ist: naturkundliche Museen, Umweltinstitutionen, Technologieunternehmen, Medienpartner, regionale Akteure. Das kann man als üblichen Rahmen großer Ausstellungsprojekte lesen. Es zeigt aber auch, dass das Thema Wald inzwischen viele Ebenen zugleich berührt: Biodiversität, Bildung, Technologie, regionale Umweltarbeit, Kulturvermittlung.

Vielleicht liegt genau darin die Stärke von „Mythos Wald“. Die Ausstellung scheint den Wald nicht auf eine einzige Erzählung festzulegen. Sie macht aus ihm weder nur den bedrohten Naturraum noch nur den mystischen Sehnsuchtsort. Sie zeigt ihn als beides – und vermutlich noch als mehr. Als Lebensraum. Als kulturelles Bild. Als wissenschaftliches Feld. Als Warnsignal. Als Staunensraum.

Und genau das dürfte viele Besucherinnen und Besucher ansprechen. Denn wer heute über Wälder nachdenkt, tut das selten unberührt. Zu viel steht auf dem Spiel. Zu viel verändert sich. Zu viele Bilder haben wir im Kopf – und zu wenige davon reichen aus.

Der Gasometer Oberhausen öffnet mit „Mythos Wald“ also nicht einfach die nächste große Ausstellung. Er öffnet einen Raum für einen Blick, der differenzierter ist als viele Debatten und zugleich sinnlicher als viele Sachbücher. Einen Blick, der Schönheit zulässt und Verlust nicht ausblendet.

Das ist viel. Aber vielleicht braucht genau dieses Thema auch genau das.

Text: Sonja Raimann | Quelle: Gasometer Oberhausen

GASOMETER OBERHAUSEN
Arenastraße 11
46047 Oberhausen
www.gasometer.de

Ab 20. März 2026 sind die Öffnungszeiten Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr. In den NRW-Ferien auch montags geöffnet. Feiertags geöffnet.  Die Infolounge/Kasse ist täglich zwischen 10 und 17 Uhr besetzt. 

Infotelefon am Gasometer: 0208.21295 (täglich 10-18 Uhr)
Telefon der Gasometer GmbH: 0208.850 37 30 (Mo. bis Do. 8-16:30 Uhr; Fr. bis 13 Uhr)

 

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