Verlorene Schäfchen

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Eigentlich könnte die Familie Flynn eine Vorbild-Vorstadt-Familie sein: Mutter, Vater und drei Töchter, sonntags geht man in die Kirche. Eigentlich. Denn die Flynns haben es schwer. Jeder für sich und alle miteinander.
Seit Mutter Catherine in einer Sinnkrise beschlossen hat, die Ehe zu öffnen, lebt Vater Bud im Auto in der Garage und findet in der Selbsthilfegruppe Zuflucht, die am wenigsten nach Sekte klingt: die Verlorenen Schäfchen. Auch die Töchter suchen ihre Wege aus der familiären Lebenskrise: Die jüngste, Harper, ist sich sicher, dass sie einer großen Verschwörung auf der Spur ist. Louise befindet sich in einem ungünstigen Beziehungsstrudel mit ihrem fundamentalistischen Online-Lover, während die dritte im Bunde, Abigail, einen schweigsamen jungen Mann namens Kriegsverbrecher-Wes datet. Und all diese Fäden laufen ausgerechnet bei einem zwielichtigen Milliardär zusammen. Eine Familie kurz vor dem Kollaps in den Turbulenzen unserer durchmodernisierten Welt.
Mein Fazit
Bei den Flynns ist eigentlich ständig irgendetwas los – und normal ist davon eher wenig. Mutter Catherine stellt ihre Ehe infrage, Vater Bud zieht sich in den Minivan zurück, und auch die drei Töchter Harper, Louise und Abigail sorgen dafür, dass es an Verwicklungen nicht mangelt.
Genau dieses Familienchaos, die interessanten Figuren und vor allem der Wortwitz haben mir an Verlorene Schäfchenzunächst richtig Spaß gemacht. Madeline Cash schreibt pointiert, die Dialoge haben Tempo und manche Situationen sind so schräg, dass man gleichzeitig lachen und den Kopf schütteln möchte. Auch die deutsche Übersetzung von Sophie Zeitz trägt sicher dazu bei, dass der Ton und die Komik so gut funktionieren.
Gleichzeitig steckt in dieser Familiengeschichte ziemlich viel mehr. Die Flynns wirken für mich auch wie ein kleiner Spiegel der Krise unserer Gesellschaft. Da brechen Beziehungen und vertraute Strukturen auseinander, Menschen suchen nach Halt und Zugehörigkeit und geraten dabei an die unterschiedlichsten Ideen, Gruppen und Weltbilder. Verunsicherung, Einsamkeit, Verschwörungsdenken und die Frage, woran man eigentlich noch glauben kann, ziehen sich immer wieder durch die Geschichte. Gerade diese Ebene fand ich spannend, weil hinter dem ganzen Irrsinn plötzlich etwas sehr Menschliches und zugleich sehr Gegenwärtiges sichtbar wird. Man merkt, dass Cash nicht einfach nur eine schräge Familie erzählen will, sondern durchaus einen Blick auf eine Gesellschaft wirft, die selbst ziemlich orientierungslos wirkt.
Allerdings dreht die Geschichte im weiteren Verlauf für meinen Geschmack ziemlich ab. Aus dem schrägen Familienroman wird immer stärker eine groteske Mischung aus Gesellschaftssatire, Verschwörung und immer neuen Übertreibungen. Das ist durchaus unterhaltsam, aber genau dabei geht für mich etwas verloren.
Denn gerade weil der Roman so viele interessante Themen anstößt, hätte ich mir an manchen Stellen gewünscht, dass Madeline Cash ihren Figuren und diesen Gedanken etwas mehr Raum gibt. Da wäre durchaus Tiefe möglich gewesen – stattdessen setzt die Geschichte immer noch einen drauf und verliert sich für meinen Geschmack irgendwann ein bisschen in ihrer eigenen Überdrehtheit.
Unterm Strich ist Verlorene Schäfchen für mich ein ungewöhnlicher, gut geschriebener und unterhaltsamer Roman mit interessanten Figuren, viel Wortwitz und einigen wirklich gelungenen schrägen Momenten. Gleichzeitig hätte ihm an manchen Stellen etwas weniger Absurdität und dafür etwas mehr Tiefe gutgetan – gerade weil in dieser Familie und in dem Blick auf die amerikanische Gesellschaft eigentlich so viel steckt. (SoRa)
Über die Autorin
Madeline Cash hat das Online-Magazin Forever Mag mitgegründet und den Kurzgeschichtenband »Earth Angel« veröffentlicht. »Verlorene Schäfchen« ist ihr vielbeachteter Debütroman, der in den USA und Großbritannien von Kritiker*innen wie Leser*innen gefeiert wurde und in der ersten Woche seines Erscheinens direkt auf der Sunday Times Bestseller- und SPIEGEL Bestseller-Liste stand. Cash lebt derzeit in London






























