Das Magazin für Kultur und Lebensart am Niederrhein

Schwarzbrot, Schützenfest und andere „Wöchter“

Ein Rundgang mit Kabarettist Stefan Verhasselt durch das Museum der Niederrheinischen Seele in Grevenbroich.

 

Museum der Niederrheinischen Seele. Foto: Michael Ricks

Text: Sonja Raimann | Bilder: Michael Ricks | NiederRhein Edition, Ausgabe 02/2018

Vor sechs Jahren wurde in der Villa der ehemaligen Baumwollfabrikanten-Familie Erckens im Grevenbroicher Stadtpark das Museum der Niederrheinischen Seele eröffnet. Identifikationsstiftende Exponate aus der Region, Wissenswertes über Sitten und Bräuche und originelle Mitmachstationen beleuchten die Mentalität und das Leben der Menschen zwischen Emmerich und Zons. Stefan Verhasselt, der zwischenzeitlich mehrere Premieren seiner Kabarettprogramme im Salon der Villa Erckens gefeiert hat, kam für die NiederRhein Edition noch einmal dorthin: zu einem Ausstellungsrundgang der etwas anderen Art.

Wir treffen uns in der Eingangshalle der Villa aus dem Jahr 1887. Unser Blick fällt auf den sehr gut erhaltenen Mosaikfußboden, marmorierte Säulen, weiße Flügeltüren und die breite hölzerne Treppe, die in die erste Etage führt. Dort ist das Museum beheimatet, das der Grevenbroicher Kulturamtsleiter Stefan Pelzer-Florack als „modernes Heimatmuseum“ bezeichnet. „Hier steht der Mensch im Mittelpunkt“, ergänzt er und macht damit den Unterschied zu den anderen Niederrheinmuseen in Wesel, Kevelaer und Grefrath deutlich. Vom Konzept überzeugt ist auch Stefan Verhasselt (53), der sich heute mit uns auf eine Zeitreise ins Leben am Niederrhein begibt. Seine bisherigen vier Kabarettprogramme sind erlebter Niederrhein – genau wie die Themenräume des Museums. Die Besucher erkennen sich wieder und erleben viele „Aha-Effekte“. Vor dem ersten „Aha-Effekt“ im Museum der Niederrheinischen Seele allerdings stehen zwei Buchstaben: Ein „O“ und ein „I“. Sie deuten auf das berühmte „Dehnungs-i“ hin, das schon Horst Schlämmer alias Hape Kerkeling als Chefredakteur des „Grevenbroicher Tageblatts“ Probleme bereitet hat. Der hatte ja bekanntlich immer „Grevenbreuch“ gesagt anstelle von „Grevenbrooch“. Dabei sorgt ja genau der Vokal „i“ hinter dem Vokal „o“ dafür, dass das „i“ nicht ausgesprochen wird. Stefan Verhasselt fällt sofort seine Geburtsstadt Straelen ein, die oftmals auch fälschlicherweise „Strählen“ ausgesprochen wird. Nicht zu vergessen Kevelaer, Schaephuysen oder Baesweiler… Eine Hörstation neben den überdimensionalen Buchstaben klärt auf. Schonmal etwas gelernt. Weiter geht es.

„Der Balsamico des Niederrheins“

Zu den beliebtesten Ausstellungsbereichen des Museums gehören die „kost proben“. Stefan Verhasselt schaut sich interessiert die täuschend echt nachgebildeten Klassiker der niederrheinischen Küche unter Glasglocken an: den Gitterkuchen mit Apfelmus (andernorts auch bekannt als Appeltaat“, „Ledderkes-Taat“ oder „Riemchentorte“), den Rheinischen Sauerbraten mit tief dunkler Sauce, „Endivien untereinander“ mit Panhas, das Glas Altbier und den berühmten Grevenbroicher Magenbitter in einem Pinneken. Kindheitserinnerungen aber weckt die Scheibe Schwarzbrot: „Als Jüngsken habe ich regelmäßig Schwarzbrot gegessen – mein Vater übrigens immer mit Rübenkraut“, erzählt er und wirft kabarettistisch ein: „Rübenkraut ist der Balsamico des Niederrheins.“ Und Stefan Pelzer-Florack ergänzt: „Kein Kind von heute kennt Rübenkraut.“ Diese Erfahrung mache er regelmäßig bei Führungen mit Schulkindern. Viele von ihnen haben das große emotionale Erdbeben im Braunkohlerevier Garzweiler wegen ihres jungen Alters nicht miterlebt. Umso wichtiger, dass auch das thematisiert wird. Einerseits ist Grevenbroich der größte Energiestandort Europas mit drei großen Kraftwerken für den Tagebau und Windenergie, andererseits fielen wegen des fortschreitenden Braunkohleabbaus ganze Dörfer dem Bagger zum Opfer. In ihrer Heimat verwurzelte Menschen mussten umgesiedelt werden. Traurige Relikte aus dieser Zeit sind die Hausnummern abgetragener Häuser und das Werbeschild der letzten Imbissbude aus dem Jüchener Ortsteil Holz.

„Niederrhein-Karaoke“

Wer den Niederrhein im wahrsten Sinne des Wortes verstehen möchte, findet im Museumsbereich „redens arten“ wunderbare Beispiele aus der Praxis. Für Hörfunkmoderator und Niederrhein-Kabarettist Stefan Verhasselt sind die ausgestellten Wörter eine wunderbare Bestätigung seiner kabarettistisch-sprachwissenschaftlichen Diskurse. Als er die Sprechblasen mit typisch niederrheinischen Ausspracheformen entdeckt, muss er herzhaft lachen. Zu lesen ist da zum Beispiel „Fünef Liter Millich“ oder „Wöchter“. „Genau, wir machen oft aus einem R ein CH“, schmunzelt er und gibt zu, dass er früher nicht so gerne „Spocht“ gemacht hat, was sich aber mittlerweile geändert habe. Als Kabarettist nutzt er auch immer mal wieder niederrheinische Idiome, spricht aber kein Platt („eher niederrheinisches Deutsch“) und ist somit auch bei seinen Gastspielen außerhalb des Niederrheins gut zu verstehen. Die einzelnen Dialekt-Regionen werden im Museum übrigens durch eine Karte aus dem Wenker-Atlas verdeutlicht. Hier ist auch die berühmte „Das/Dat-Linie“ zu erkennen. Originell ist auch das Niederrhein-Karaoke: Hier kann man „native“ Niederrheinern beim Sprechen zuhören und selbst seine niederrheinische Dialektfähigkeit testen.

Vielleicht reiht sich Stefan Verhasselt demnächst ja auch in die museale Bücherwand niederrheinischer Schriftsteller ein. Sie enthält Werke über die Sagenfigur Siegfried von Xanten, Leseproben der Geschichtensammler von Zuccalmaglio, von Heinrich Heine, Willi Fährmann und natürlich: Hanns Dieter Hüsch. Erst kürzlich habe ihm ein Düsseldorfer Verlag das Angebot unterbreitet, aus seinen Niederrheingeschichten ein Buch zu machen, erzählt Stefan Verhasselt und grinst: „Das würde sich dann bestimmt auch ganz gut hier machen.“ Am 25. November 2018 präsentiert er im Salon der Villa Erckens aber erst einmal ein „Best of“ seiner bisherigen vier Programme „un en bissken Lametta“, weil dann ja schon bald Weihnachten ist.

Schützenfeste am Niederrhein: Sehen und gesehen werden 

Viele Wohnräume in der ersten Etage der Villa Erckens sind miteinander verbunden, so dass bald der Blick frei wird auf den Ausstellungsbereich „glaubens fragen“. Der Glaube am Niederrhein ist längst nicht mehr nur noch katholisch geprägt: An der Wand mit religiösen Utensilien wie einem Kollektenkörbchen, einem Kreuz und einer Flasche Messwein ist neben einer Madonna auf einem Sockel auch ein Burkini zu sehen: ein blauer Ganzkörper-Schwimmanzug für muslimische Frauen. Und in Vitrinen stehen Modelle einer katholischen und einer evangelischen Kirche sowie einer Synagoge. „Eigentlich müsste man noch einen leeren Glaskasten dazustellen, für die Ausgetretenen“, ergänzt Pelzer-Florack. Stefan Verhasselt fällt bei dem Thema eine Begebenheit ein, die ihn als Katholik stutzig gemacht hat: „Eine gute Freundin in Moers – sie ist evangelisch – hat mir einmal ihre Kirche gezeigt. Und ich konnte es nicht glauben: die war größer als die katholische! In allen anderen Städten ist das ja meist umgekehrt, aber Moers ist eben eine evangelische Enklave am sonst katholischen Niederrhein.“ Ebenfalls katholisch geprägt ist die niederrheinische Tradition der Schützenfeste. Die Museumsmacher haben dafür einen ungewöhnlichen Zugang gewählt. Anstelle von Uniformen, Königsilber und Holzvogel wird ein Film von einem Schützenfest gezeigt. Der Clou: Gedreht wurde er von einem Westfalen und einem Tierfilmer. „Es sollte bewusst eine Draufsicht Unbeteiligter sein“, erläutert Stefan Pelzer-Florack. Das Experiment ist gelungen. Und Stefan Verhasselt erinnert sich an seine Zeit als Redakteur bei Welle Niederrhein, in der er regelmäßig als Ehrengast verschiedenste Schützenfeste der Region besucht hat und einmal sogar einen Ehrenschuss abgeben durfte: „Ich habe den Vogel tatsächlich getroffen“, erzählt er heute noch ungläubig und fügt hinzu: „Toll war auch die Tradition des Eierbratens. Nachdem das Programm im Zelt zu Ende und das letzte Bier an der Theke getrunken war, ging es zu einem der Schützenbrüder nach Hause. Dort wurden dann zig Eier in die Pfanne gehauen – eine gute Grundlage, um am nächsten Tag weiter zu feiern.“ Schmunzelnd erinnert er sich auch an die typischen Kommentare der Zuschauer bei den Festumzügen, die ja unter dem inoffiziellen Motto stehen „Sehen und gesehen werden“: „Dabei wurden immer die Kleider beurteilt, nach dem Motto: ,Kumma, die sieht aber juut aus in dem tollen Kleid; dafür, dat die eigentlich Metzgersfrau is...‘“

Was für ein Niederrheiner bin ich? Eine Telefonnummer gibt Auskunft.

Wie schon viele Besucher der vergangenen vier Jahre nimmt Stefan Verhasselt jetzt auf der hölzernen Schulbank aus der Nachkriegszeit Platz. Bilder aus seiner Grundschulzeit in Straelen schießen ihm in den Kopf „Es war richtig schön, aber mitten im 4. Schuljahr sind wir nach Sankt Tönis gezogen, weil mein Vater dort im Krankenhaus eine Stelle als Bäckermeister bekam. Als mich meine Mutter abholte und wir über den Schulhof gingen, haben alle meine Mitschüler an den Fenstern gestanden und mir zugewunken. Da war ich sehr traurig.“ Selbst das Niederrhein-Rezept gegen Trauer, „Du musst tüchtig essen“, half in den ersten Wochen nicht.

Essen und Trinken, Glaube und Sprache, Sitten und Bräuche am Niederrhein – alles das bildet das Museum der Niederrheinischen Seele lebensnah und detailreich ab. Die letzte Abteilung „heim-spiel“ greift noch einmal alle Schwerpunkte der Dauerausstellung auf. Man kann seine Essensvorlieben mit Punkten bewerten, Fragen zu seinem Glauben beantworten, eine virtuelle Radtour unternehmen und sich als Karnevalsprinz, Bauer oder Jungfrau fotografieren lassen. An jeder Station gibt es Punkte, die eine sechsstellige Nummer ergeben. Die wird an einem beigen Schnurtelefon per Wählscheibe eingegeben. Durch die Muschel hört man dann seine persönliche Niederrheincharakteristik. Das klang bei Stefan Verhasselt so: „Ihr Zeichen ist der Schaufelradbagger. Energiegeladen wie Sie sind, haben Sie alle Aufgaben rasch bewältigt. Auch im Job können Sie innerhalb kürzester Zeit ordentlich was wegschaffen.“ 

Ein Rundgang durch das Museum der Niederrheinischen Seele ist für Niederrheiner wie ein Spaziergang durch die eigene Vergangenheit und Mentalität. Vergessenes wird aufgefrischt, Erlebtes noch einmal intensiviert. Und Nicht-Niederrheiner lernen den Menschenschlag mit seinen gesellschaftlichen, kulturellen und kulinarischen Eigenheiten kennen. Dazu tragen die originellen Mitmachstationen, aber auch Stefan Pelzer-Florack als kundiger Museumsführer, bei. Wer das Museum besuchen möchte, sollte unbedingt einen Termin für eine Führung ausmachen. Sie ist im Eintrittspreis von 4,- Euro für Erwachsene und 1,50 Euro für Kinder enthalten. 

Museum der Niederrheinischen Seele
Villa Erckens
Am Stadtpark
41515 Grevenbroich

Informationen zu Führungen
Telefon: 02181-608-656
E-Mail: kultur@grevenbroich.de

www.museum-villa-erckens.de

Vila Erckens: Vom Lebensraum zum Kulturraum

1887 beauftragte der Baumwollfabrikant Oskar Erckens den Kölner Star-Architekten Hermann Otto Pflaume, übrigens ein Vorfahr von Moderator Kai Pflaume, mit dem Bau der heute im Volksmund bekannten „Villa Erckens“ in unmittelbarer Nachbarschaft zu seinem Betrieb, der Erckens & Co. Baumwollspinnerei und -weberei. Später führten seine Söhne Oskar und Emil den Betrieb. Hauptkunden waren der Vatikan und die New Yorker Polizei. Der wirtschaftliche Einbruch nach dem 2. Weltkrieg, von dem sich die Firma nicht mehr erholte, führte im Jahre 1956 zur Schließung. Wenig später kaufte die Stadt Grevenbroich Villa und Park von der Familie Erckens, um das Gebäude bis in die 1980er Jahre als Verwaltungsnebenstelle zu nutzen. Mit der Umwidmung des Hauses als „Museum im Stadtpark“ und der Einrichtung der völkerkundlichen Sammlung im Jahr 1989, begann die Nutzung der Villa Erckens als städtisches Museum. Nach einer Phase der Umstrukturierung und Sanierung wurde das Haus 2012 als „Museum der niederrheinischen Seele“ neu eröffnet. Zusätzlich zur Dauerausstellung in der ersten Etage finden im Erdgeschoss neben Wechselausstellungen, Unplugged-Konzerten oder Kabarettveranstaltungen feste Veranstaltungsreihen statt wie „LiedersaloN“ oder „Weltmusik am Niederrhein“. Bei den jährlichen „Internationalen Grevenbroicher Gitarrenwochen“ präsentieren sich von September bis November virtuose Gitarristen aus dem In- und Ausland ebenfalls in der Villa Erckens.