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Wie schmeckt Gold? Die Spielzeit 2020/2021 am RLT Neuss

Stillstand, Absagen, Ungewissheit. Die vergangenen Monate stellten auch das Rheinische Landestheater Neuss vor große Herausforderungen. Wochenlang waren die Türen des Landestheaters an der Oberstraße 95 geschlossen, Bühnen und Publikumsränge verwaist. Ende Mai wagte sich das RLT dann u. a. mit Samuel Becketts’ »Glückliche Tage« sowie einen eigens entworfenen Liederabend: »Out of time. Die mit Abstand besten Songs« wieder peu-à-peu an das gesellschaftliche Leben heran. Dazu wurde auch das obere Foyer des RLT zu einer Art zweiten Spielstätte umfunktioniert. „Es ist ein Herantasten an ein gesellschaftliches Leben, das zwar einerseits weiterhin durch SARS-CoV-2 beeinflusst ist, uns aber andererseits ein Agieren jenseits der Ausgangsbeschränkungen erlaubt,“ so die Intendantin des RLT, Caroline Stolz.

Den Auftakt in die Saison macht am 12.9.2020 die Premiere von »The Black Rider – The Casting of the Magic Bullets«. Das Publikum erwartet ein Stück zwischen Drogenrausch und Love-Story, Höllenfahrt und Gespensterzauber: Der Amtsschreiber Wilhelm und die Försterstochter Käthchen sind verliebt. Möglichst bald wollen sie heiraten. Allerdings kommt für Käthchens Vater nur ein treffsicherer Jäger wie Robert in Frage. Der ungeübte Schütze Wilhelm willigt in ein Wettschießen ein und stellt schnell fest, dass er chancenlos ist. Verzweifelt nimmt er von einem mysteriösen Mann mit Stelzfuß magische Kugeln an, die ihr Ziel niemals verfehlen. Das Problem scheint gelöst, doch dann taucht ein schwarzer Reiter auf, der ihm den Preis für den teuflischen Pakt nennt: Eine der Kugeln gehorcht nur ihm …

Kompositionen von Tom Waits  machen »The Black Rider« zu einem Ritt jenseits aller Konventionen

»The Black Rider«, nach dem Buch von William S. Burroughs, wird durch die Musik und der Gesangstexte von Musiklegende Tom Waits zu einem musikalischen Ritt jenseits aller Konventionen, der den rauschhaften Wahn und die maßlose Leidenschaft zu einem sinnlichen Erlebnis macht. Altersempfehlung: 15+

»Der Fischer und seine Frau«

Direkt nach der Premiere von »The Black Rider« folgt am 13.9.2020 eine Premiere für die kleinen Gäste am RLT.  »Der Fischer und seine Frau« – nach dem Märchen der Brüder Grimm – lädt zum Staunen ein, und erzählt eine Geschichte in der auf wunderbare Weise alle Träume Wirklichkeit werden, weil sich selbst die unmöglichsten Wünsche erfüllen. Gleichzeitig ist es eine Parabel über Gier. Warum kann die Frau immer nur so kurze Zeit zufrieden sein? Wieso werden ihre Wünsche immer größer? Wieso lässt sich der Fischer immer wieder zum Butt schicken? Eine faszinierende Geschichte mit Figuren zum Mitfiebern oder Blödfinden, zum Wiedererkennen und Hinterfragen. Beste Voraussetzungen für ein erstes unvergessliches Theatererlebnis. Altersempfehlung: 4+

Ohne Molière hätte das Genre Komödie vermutlich auch heute noch nicht den Stellenwert, den es glücklicherweise mittlerweile erreicht hat

Meisterhaft hat er bewiesen, dass gerade in komischen Texten eine subversive Sprengkraft schlummern kann. So auch in »Der Geizhals«: Für Harpagon gibt es nur eins, was im Leben wichtig ist: Geld. Davon gilt es so viel wie möglich anzuhäufen, möglichst schon vor dem Ableben, gerne aber auch darüber hinaus. Und so trifft er Vorsorge im Rahmen seiner Möglichkeiten: Sowohl für ihn selbst als auch für seine Kinder sollen jeweils kluge Heiratsarrangements den ersehnten Geldsegen bringen. Das allein wäre aber keine unterhaltsame Story, und deswegen streut Molière, einer der klügsten und herausragendsten Komödienschreiber seiner Zunft, an den entscheidenden Stellen den Figuren Sand ins Getriebe – und eben einen guten Schuss von der großen Liebe. »Der Geizhals« feiert am 26.9.2020 Premiere. Altersempfehlung: 14+

»Pünktchen und Anton«: Mutig, klug und mit dem glasklaren Blick für Ungerechtigkeiten, die in der Welt der Erwachsenen selbstverständlich sind

Kästners »Pünktchen und Anton« erobern am 1.11.2020 die Neusser Bühne. Wie alle Kinderbuchhelden von Erich Kästner sind auch diese beiden mutig, klug und haben den glasklaren Blick für Ungerechtigkeiten, die in der Welt der Erwachsenen selbstverständlich sind. Große Villa, schicke Kleider, neuestes Spielzeug, tolle Urlaube und ständig beschäftigte Eltern: Luise Pogge, genannt Pünktchen, ist reich und trotzdem arm. Um sie kümmert sich das Personal in Form des missgelaunten Fräulein Andachts und der Köchin Berta. Allerdings hat das Kindermädchen Fräulein Andacht offenbar eine ganz eigene Vorstellung von Babysitting. Nachts nimmt sie ihren wohlhabenden Schützling mit auf Betteltour. Dies kommt wiederum Pünktchens schauspielerischen Ambitionen und Abenteuerlust entgegen. Außerdem trifft sie dort ihren besten Freund Anton. Der ist in jeglicher Hinsicht arm und bessert nachts das Haushaltsgeld mit Streichhölzerverkaufen auf, weil seine kranke Mutter nicht arbeiten kann. Anton hofft, dass in der Schule niemand herausfindet, warum er in letzter Zeit so oft im Unterricht einschläft. Und so verbindet Pünktchen und Anton ein Geheimnis, das mit der Zeit immer schwerer zu verbergen ist …  Altersempfehlung:  6+

»Nathan@WhiteBoxX«

Lessings Ringparabel »Nathan der Weise«, fest verankert im Kanon, ein Klassiker der deutschen Literatur. Doch 200 Jahre nach seiner Uraufführung ist dieses dramatische Gedicht sowohl sprachlich, als auch inhaltlich oftmals schwer greifbar geworden. Den in seiner Zeit verhafteten Konflikt zwischen Christentum, Judentum und Islam, Lessings Idee von der religiösen Wahrheit sowie sein Plädoyer für Respekt und Toleranz gilt es gegenwärtig mehr denn je zu überprüfen. In dem neuen RLT-Format »@WhiteBoxX« wird Lessings meisterhaftes Ideendrama radikal adaptiert und im Gewand eines modernen 3-Personen-Stückes in klassischen Kostümen neu zum Leben erweckt. In dem puristischen, weißen Raum wird die fortwährende Diskussion, ob überhaupt und wenn ja, welche Religionen zur deutschen Nation gehören, inwiefern der Glaube eine private Angelegenheit ist oder nicht doch ein philosophisches Denksystem, das unser soziales und politisches Handeln prägt und wo die Schnittstellen zwischen den Weltreligionen liegen, ebenso lebendig wie leidenschaftlich. Indem die Vertreter der jeweiligen Religionen auftreten, mal Ankläger, mal Angeklagte sind, zwischen rationalem Denken und emotionalem Handeln mäandern, wird die Komplexität nach der Frage um die Bedeutung des Abendlandes jenseits der Theorie sinnlich erfahrbar. Nathan@WhiteBoxX – Premiere:7.11.2020. Altersempfehlung: 14+

»Eine Weihnachtsgeschichte«

Ab 14.11.2020 wird es mit der Premieren und Deutschen Erstaufführung von »Eine Weihnachtsgeschichte« (A Christmas Carol) weihnachtlich am RLT. Nach »Der Messias« und »Die 39 Stufen« hat Patrick Barlow mit seiner Version von Charles Dickens’ Klassiker erneut einen furiosen Theaterspaß geschrieben: Fünf Darstellerinnen und Darsteller, unterstützt von zwei Puppenspielerinnen und Puppenspielern, haben zwischen Weihnachtsliedern, Kostümwechseln und Zeitreisen alle Hände voll zu tun, um den widerwärtigen Wucherer Ebenezer Scrooge in einer einzigen Nacht zu einem besseren Menschen zu machen. Ein Spaß für die ganze Familie!

Gerhart Hauptmanns soziales Drama »Vor Sonnenaufgang« provozierte bei seiner Uraufführung 1889 in Berlin einen regelrechten Skandal und machte den jungen Dramatiker und späteren Literaturnobelpreisträger über Nacht berühmt. Eine solch naturalistische und zugleich schonungslose Darstellung einer bürgerlichen Familie mit all ihren Abgründen hatte es noch nicht gegeben. Der preisgekrönte Dramatiker Ewald Palmetshofer hat Hauptmanns soziales Drama mit klarer und moderner Sprache in unsere soziale und politische Realität übertragen: Durch Heirat hat Thomas Hoffmann seinen sozialen Aufstieg gesichert, die Schwangerschaft seiner Frau Martha bedeutet nicht nur Familienglück, sondern stärkt auch seine Position im Betrieb. Als sein Studienfreund Alfred Loth ihn besucht, entbrennt jedoch zwischen dem rechtspopulistischen Unternehmer und dem linken Journalisten ein Streit, der die gesellschaftliche Zerrissenheit, die zunehmende Radikalisierung von Positionen und den Verlust von Menschlichkeit und Solidarität offenbart. Zwischen gezwungenem Optimums und depressiven Stimmungen mäandernd hofft man auf eine glücklichere Zukunft, doch der nächste Sonnenaufgang vermag kaum Licht zu bringen. Premiere: 9.1.2021 Altersempfehlung: 16+

»Herzliche willkommen in der Seniorenresidenz RLT!«

Wir befinden uns im Jahr 2067 und das Theater mittlerweile zur Seniorenresidenz umfunktioniert. Die ehemaligen Schauspieler lassen sich noch nicht abschreiben. Altersträgheit kommt keineswegs auf: Mit reichlich Power und Selbstbewusstsein kämpft die Truppe gegen eine konsumorientierte Gesellschaft an, die sie im Jugendwahn aufs Abstellgleis befördert. Es könnte alles so schön sein – wäre da nicht die strenge Pflegerin, die versucht, ihnen mit Arien über Verwesung und Tod Einhalt zu gebieten. Doch die Lebenslust siegt – und das Bedürfnis, im hohen Alter vorm endgültigen Abtritt nochmal richtig »die Sau rauszulassen« … Altwerden ist nichts für Feiglinge – muss sich der Pianist, Komponist und Regisseur Erik Gedeon gedacht haben, als er sein Stück »Ewig jung« 2007 in Dresden zur Uraufführung brachte. Er schuf ein ebenso unterhaltsames wie nachdenklich stimmendes Songdrama, das bundesweit mit Riesenerfolg nachgespielt wurde. Der Clou: Die hohe Wandlungsfähigkeit des Neusser Ensembles wird bei dieser Produktion herausgefordert, denn die Rollen der hochbetagten Senioren spielen Darsteller unterschiedlichster Generationen. Hits wie »Born to be wild«, »Sex bomb«, »I will survive« und »Forever young« garantieren ein musikalisches Feuerwerk! Premiere: 23.1.2021  Altersempfehlung: 12+

Nach dem Zeitsprung ins Jahr 2067 geht es am 6.3.2021 dann erneut auf Zeitreise. Diesmal verwandelt sich das Theater in »Das Ballhaus« und entführt zu einer Zeitreise durch ein Jahrhundert Deutsche Geschichte: Vom Tanzpalast der 20er Jahre entwickelt es sich zum Technoschupppen der 90er Jahre. Man trifft sich in den »Golden Twenties« auf der Tanzfläche, erlebt den Börsencrash, den Zweiten Weltkrieg, den Wiederaufbau, das Wirtschaftswunder, die Studentenunruhe und den Mauerfall. Auf dem Parkett wirbeln Menschen durch acht Jahrzehnte. Vom Großindustriellen bis hin zum Studentenrevoluzzer über die Diva und den Rock’n’Roll-Schönling in Turnschuhen. Kein einziges Wort wird gesprochen. Das Ballhaus sieht die Menschen kommen und gehen: Für sie ist es Ort der Zuflucht und Zerstreuung, des Vergnügens und der Hingabe – Schauplatz ihrer Kämpfe, Tragödien und schönsten Augenblicke. Altersempfehlung: 12+

»Cash« – Jetzt wird’s lustig! Rattattattata! Banküberfall!

Sinan hat es genau ausgerechnet: Er braucht exakt 732.169 Euro, um ein Leben führen zu können, wie er es sich vorstellt. Das ist nicht zu viel verlangt. Und weil die Bank, für die er bis vor kurzem geschuftet hat, ihm wegen der Finanzkrise kündigen musste, nimmt er sein Schicksal selbst in die Hand. Jetzt wird’s lustig! Rattattattata! Banküberfall! Dazu drei Komplizen: Seine ehemalige Kollegin Nastaran ist die Verbindung in die Bank und kann außerdem mit ihrem guten Aussehen für Ablenkung sorgen. Dennis bringt als professioneller Bankräuber alter Schule die Erfahrung mit. Computerfreak Rutger soll das Sicherheitssystem hacken. Und dann … ist da noch das Publikum! Das wird ebenfalls zu Komplizen gemacht. Dafür müssen allerdings ein paar Dinge klargestellt werden. Denn beim Geld hört die Freundschaft auf. Wollen wir nicht alle reich sein? Hallo? Was wäre jede oder jeder bereit dafür zu tun? Gehört mein Geld eigentlich mir oder der Bank? Und was verdammt macht die Bank damit? Flankiert von diesen Überlegungen, die direkt mit dem Publikum verhandelt werden, erzählt sich der Plot in einem sagenhaften Tempo. Provozierend und klug versuchen die vier Figuren, das Publikum auf ihre Seite zu ziehen, um sie zu unterstützen. Denn wenn der Überfall vorbei ist, werden zwei von ihnen verhaftet sein, eine(r) tot und eine(r) ist mit dem Geld davongekommen. Wer das sein wird, entscheidet das Publikum… »Cash« von Floris van Delft und Wolter Müller feiert als Deutsche Erstaufführung am 13.3.2021 Premiere. Altersempfehlung: 14+

Ein kleiner Totentanz in fünf Bildern von Ödön von Horváth

Am 20.3.2021 steht dann die Premiere von »Glaube Liebe Hoffnung« – ein kleiner Totentanz in fünf Bildern von Ödön von Horváth – auf dem Programm. Elisabeth ist eine junge Frau, die ein selbstbestimmtes Leben führen will. Aber sie hat Pech. Harmlos beginnt es. Schulden, das kommt vor. Verliert den Job, so was kann passieren. Doch dann dreht sich die Unglücksspirale auf einmal ganz schnell. Gefängnis. Die Liebesbeziehung zu einem nichtsnutzigen Polizeibeamten, die für einen Moment neue Hoffnung bringt, zerbricht an dessen Feigheit. Jetzt ist Elisabeth noch dazu schwanger. Ihren toten Körper hatte sie verkaufen wollen, doch nicht mal der Tod sorgt ausreichend für die Lebenden. Was lohnen sich die Mühen des Alltags, warum rechtschaffen durchs Leben gehen, wenn am Ende der Preis für den Tod zu hoch ist? Horváths »Totentanz« handelt von Abstiegsängsten, Egoismus und purer Bosheit. Ein Stück, das zur Zeit seiner Entstehung kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges den Geist einer zunehmend nach rechts rückenden Gesellschaft auffing und gegenwärtig von erschreckender Aktualität ist. Altersempfehlung: 15+

Premierenreigen am RLT schließt mit »Der Widerspenstigen Zähmung«

Last but not least schließt der Premierenreigen am RLT am 8.5.2021 mit der Premiere der Shakespeares Komödie »Der Widerspenstigen Zähmung«. Shakespeares Klassiker muss aus heutiger Sicht wie eine Provokation auf unsere zu großen Teilen gleichberechtigte Gesellschaft wirken. Aber Shakespeare wäre nicht Shakespeare, wenn er nicht mit vieldeutigem Augenzwinkern scheinbar eindeutige Lesarten lustvoll entlarven und ad absurdum führen würde. Altersempfehlung: 14+

Text: Sonja Raimann | Bilder: Fotograf Simon Hegenberg | NiederRhein Edition, Ausgabe 02/2020

Weitere Informationen zum Programm und Angeboten der Spielzeit 2020/2021 finden Sie online unter www.rlt-neuss.de

Rheinisches Landestheater Neuss
Oberstraße 95
41460 Neuss

Theaterkasse  Tel. 02131.2699-33
(Mo. bis Fr. 9:00-18:30 Uhr / Sa 9:00-14:00 Uhr)

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