Zugvögel wie wir

von Julia Dibbern

Evas Leben scheint immer kleiner und enger zu werden. Der Traum von einer Karriere als Musikerin zerbrach schon früh, ihre Ehe ist lange vorbei und von ihrer Tochter lebt sie entfremdet. Umso überraschter reagiert ihr Umfeld, als Eva im Schwedenurlaub einer spontanen Eingebung folgt: Sie wird dem Weg der Kraniche nach Frankreich folgen, ausgerüstet nur mit Fahrrad und Zelt! Der verrückte Plan wird zum Rettungsanker, die Begegnungen auf ihrer Reise – mit der Natur, mit fremden Menschen – lassen Eva die Welt mit anderen Augen sehen. Doch wird es ihr auch gelingen, sich selbst neu zu begegnen? 

Mein Fazit

Zugvögel wie wir hat mich vor allem deshalb sofort gepackt, weil ich den Schreibstil von Anfang an mochte. Eva fand ich zunächst gar nicht so leicht. Sie wirkt kompliziert, steht sich oft selbst im Weg und macht es einem anfangs nicht unbedingt leicht. Aber genau das fand ich mit der Zeit sehr stimmig, weil man nach und nach immer mehr über sie erfährt und sie dadurch besser versteht.

Eva ist an einem Punkt in ihrem Leben angekommen, an dem nichts mehr richtig trägt. Im Schwedenurlaub fasst sie dann einen Entschluss, mit dem sie sich fast selbst überrumpelt: Mit Fahrrad und Zelt folgt sie dem Zug der Kraniche bis nach Frankreich. Was daraus entsteht, ist für mich viel mehr als nur eine Reisegeschichte. Das Ganze hat etwas von einer Pilgerreise – nicht im religiösen Sinn, sondern in der Art, wie Eva unterwegs ist: suchend, zweifelnd, tastend. Gerade weil sie überhaupt nicht der abenteuerlustige oder spontane Typ ist, hat ihre Reise für mich so gut funktioniert. Sie zweifelt, will aufgeben, stellt sich selbst immer wieder infrage – und zieht trotzdem durch. Genau das hat bei mir echten Respekt ausgelöst. Auch die Menschen, die Eva unterwegs begegnen, mochte ich sehr. Sie geben der Geschichte Wärme und Leichtigkeit, und beim Lesen bekommt man direkt Lust, selbst loszufahren, den Kopf freizubekommen und einfach einmal nur unterwegs zu sein – wenn man denn den inneren Hilfsbremser überwindet.

Was mir außerdem gefallen hat: Bei allem, was Eva mit sich herumträgt, ist die Geschichte nie schwer oder drückend. Sie bleibt in Bewegung, genauso wie Eva selbst. Nur das Ende kam mir für meinen Geschmack etwas zu abrupt.

Mir hat Zugvögel wie wir gefallen, weil die Geschichte zeigt, dass man nicht immer schon wissen muss, wonach man sucht, um trotzdem loszugehen. Eine Empfehlung für alle, die Bücher über Neuanfänge, innere Bewegung und leise, glaubwürdige Entwicklung mögen. (SoRa)

Über die Autorin

Julia Dibbern, geboren 1971, bekam die Liebe zur Natur und zum Meer in die Wiege gelegt. Nach dem Architekturstudium und der Ausbildung zur Journalistin schrieb sie viele Jahre lang Sachbücher und leitete eine Erwachsenenbildungsakademie. Ihre Bücher wurden in verschiedene Sprachen übersetzt. Sie lebt mit ihrer Familie und einer wechselnden Anzahl von Tieren vor den Toren Hamburgs am Deich.

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