1740: Wie Krefeld vor 280 Jahren preussisch wurde

Das Verhältnis zwischen katholischen Rheinländern und den protestantischen Preußen besaß stets eine besondere Note. In der Beziehung steckte quasi von Beginn an der Wurm – man mochte sich gegenseitig einfach nicht. In dieser nicht gerade ehrwürdigen Sichtweise auf den Niederrhein stach jedoch die kleine Herrlichkeit Krefeld als vorbildliche, preußische Insel, als Kleinod hervor, so jedenfalls sah es Friedrich der Große.

Friedrich II besucht die Familie von der Leyen. Foto: Stadt Krefeld

Das Verhältnis zwischen katholischen Rheinländern und den protestantischen Preußen besaß stets eine besondere Note. In der Beziehung steckte quasi von Beginn an der Wurm – man mochte sich gegenseitig einfach nicht. Am Rhein drückte sich die oppositionelle Haltung gegenüber den Hohenzollern durch das Singen verbotener Freiheitslieder und ab der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert im Karneval aus. Besonders die Düsseldorfer Karnevalsgesellschaft war für ihre derben Satiren auf den König bekannt. In Berlin dachte man aber auch nicht charmant über die Untertanen am Rhein. „Wahs Klewe und grafschaft Marck ist sein die wassalle dume oxen aber Malicieus wie der deuffel. auf Ihre Privilegia sein sei sehr gesteuret [...]. Die Nacion ist sehr intrigandt und falsch dabey und sauffen wie die bester mehr wissen sie nichts", schrieb König Friedrich Wilhelm I. bereits 1722 an seinen Nachfolger - seinen Sohn Friedrich II. Auch Friedrichs Auffassung über die westlichen Gebiete Preußens war nicht gerade euphorisch. Über die Klever meinte er, dass die Bevölkerung dort nicht nur sehr träge sei. „Die Klever sind Dummköpfe, wirr und im Rausch ihrer Väter gezeugt, die weder natürliche Talente noch erworbene Kenntnisse besitzen", so der Preußenkönig im Jahr 1752.

In dieser nicht gerade ehrwürdigen Sichtweise auf den Niederrhein stach jedoch die kleine Herrlichkeit Krefeld als vorbildliche, preußische Insel, als Kleinod hervor, so jedenfalls sah es Friedrich der Große. Als König von Preußen (1740-1786) besuchte er zweimal die Stadt Krefeld. Vor allem die Familie von der Leyen pflegte einen guten Kontakt zu dem Monarchen. Sein Interesse galt in erster Linie den Seidenmanufakturen, die im 18. Jahrhundert bereits weltweite Bedeutung besaßen. Die preußische Herrschaft in Krefeld begann schon zehn Jahre vor seiner Geburt mit einer kleinen List während einer Februarnacht 1702.

So holten sich die Preussen Krefeld

Das Reichskammergericht hatte 1702 die Grafschaft Moers mitsamt der Herrlichkeit Krefeld den Preußen im Rahmen einer Erbschaft zugesprochen. Beides unterstand zum damaligen Zeitpunkt noch der oranischen (niederländischen) Zugehörigkeit. Während Moers von den Oraniern gut zehn Jahre weiterhin besetzt blieb, nahmen die Preußen die Stadt Krefeld mit einem Trick ein: In der Nacht vom 2. auf den 3. Februar 1702 brannte es in Hüls. Gegen vier Uhr morgens kam ein Karren mit angeblich Verletzten aus Hüls am Krefelder Niedertor (heute Hoch-/Ecke Rheinstraße) an. Man bat um Einlass, der auch gewährt wurde. Unter dem Stroh auf einem Karren versteckten sich aber fünf preußische Soldaten. Die ahnungslose Torwache wurde von dem „Einfall" derart überrascht, dass sie schnell überwältigt werden konnte. Das Stadttor stand für die preußischen Truppen offen. Ende März 1702 nahm die preußische Krone Krefeld offiziell in Besitz.

Der Herrschaftsantritt von Friedrich II. in Krefeld - ohne seine Majestät vor Ort - gestaltete sich am 3. August 1740 mit Paraden, Kanonenschüssen und Amtsträgern als großes Schauspiel auf dem Neumarkt: Zur Huldigung des absoluten Herrschers stellte man einen „königlichen Stuhl" mit Treppenaufgang, an den Seiten schwarz verhangen auf dem Platz auf. Vor dem Stuhl stand ein Tisch mit einem Evangelium und Zepter sowie Krone. Die Huldigung samt Bürgereid wurde von einem Regierungsbeamten geleitet: „Nun jauchzet und springet, ihr Bürger zusammen frohlocket, so jetzt hier versammelt sein! Es leb' der König Friedrich, es lebe sein Haus. Der Himmel beschütz' ihn und geb' ihm nicht wenig vollkommen Vergnügen!" Auch ein „Gnadenseil" wurde hinter einem Pferd durch die Stadt gezogen. Wer es berührte, konnte sich per Bittschrift für eine Gunst oder Begnadigung an den neuen König wenden. Die Feier endete unter Glockengeläut, mit Illuminationen und Kanonenfeuer, Feuerwerk sowie Freibier.

Salutschüsse für Friedrich II.

Von der Herrschaft Friedrich II. profitierten in Krefeld ausgerechnet auch die Katholiken. Ihr Anteil an der Stadtbevölkerung betrug rund 50 Prozent. In der Ausübung ihres Glaubens wurden sie allerdings eingeschränkt. Ihre Bitten an den preußischen König blieben nicht ohne Erfolg: Ab 1742 durften die Katholiken in der Klosterkirche einen Gottesdienst feiern. Im folgenden Jahr erlaubte Friedrich sogar Taufen und Trauungen durch einen katholischen Geistlichen sowie den Bau einer Schule. An ein Behördenschreiben fügte er handschriftlich hinzu: „in Meinem Lande Seindt alle Religionen frei also Sol ihnen die Schule verstatet werden". Sogar den Bau einer Kirche (Dionysiuskirche) stimmte der Monarch zu, der vor allem an dem Frieden zwischen den Religionen in der Stadt Interesse hatte. Die dankbaren Katholiken schafften nach dem preußischen Sieg 1745 bei Friedberg extra Kanonen für Salutschüsse aus Uerdingen nach Krefeld. Mit großem Pomp beging man im nächsten Jahr unter anderem den Geburtstag des Königs mit Aufmärschen, Illuminationen und einem Konzert in der reformierten Kirche.

Damals wie heute: Kritik an der schlechten Anbindung

Der erste Besuch Friedrich, des Großen in Krefeld fand ohne eine große Öffentlichkeit statt. Auf einer Durchreise 1751 weilte er einige Stunden bei der Familie von der Leyen als Gast. Die Familie nutzte die Gelegenheit, um auf die wirtschaftliche Bedeutung der Stadt und die gleichzeitig schlechte Postanbindung hinzuweisen. Der König versprach Abhilfe. Ab 1755 verkehrte die Postkutsche auf ausdrückliche Anordnung des Königs von Köln über Krefeld nach Kleve. Dabei sollte sich die Post nach den Wünschen der von der Leyens richten. Im selben Jahr verlieh der König Johann und Friedrich von der Leyen für ihren beratenden Dienst den Titel „Königlicher Kommerzienrat".

Die Socke des Königs

Als Kunde soll Friedrich der Große bei den Krefelder Unternehmen jedoch eher „zurückhaltender" gewesen sein, wie bei der Firma Heydweiller, die Strümpfe produzierte. Nach einer Legende schickte der sparsame „Alte Fritz" eine mehrfach gestopfte Socke als Größenvorlage für einen Sockenauftrag nach Krefeld. In Wirklichkeit habe er jedoch darum gebeten, einen neuen Fuß an das abgetragene Beinkleid anzusticken. Die Firma sandte dem König als Geschenk aber ein Dutzend neuer Strümpfe mit der Bitte, dass der kaputte Strumpf bei ihnen verbleiben dürfe. Als Dank soll Friedrich den Heydweillers ein Service aus der königlichen Porzellanmanufaktur geschickt haben. Nachfahren der Seidenfabrikanten Heydweiller übergaben dem Weseler Preußen-Museum die Socke Friedrichs des Großen, berichtet das Jahrbuch „Die Heimat" in der 78. Ausgabe.

Krefelder stehen Spalier

Der Siebenjährige Krieg rückte auch Krefeld in den Mittelpunkt der europäischen Politik. In der Nähe der Stadt stießen preußische Truppen unter der Leitung des Herzogs Ferdinand von Braunschweig, der Schwager Friedrichs, auf französische Streitkräfte. Die Schlacht im Juni 1758 beendeten die Preußen siegreich. Die Krefelder bereiteten dem Herzog nach dem Sieg einen triumphalen Empfang. Doch der preußische Erfolg war nur von kurzer Dauer, alsbald kehrten die Franzosen als Besatzer zurück in die Stadt. Den Frieden von 1763 feierten die Krefelder mit Umzügen, geschmückten Häusern und kirchlichen Feiern. Im Juni des Jahres besuchte Friedrich II. die Stadt für zwei Tage. Die königliche Eskorte wurde von 40 berittenen Kaufleuten im Bruch abgeholt. Die Bürger stand Spalier vom Stadttor entlang der Friedrichstraße bis zum „Haus in den Ketten" der von der Leyens (Rheinstraße/Ecke Friedrichstraße). Das Gebäude erhielt seinen Namen, da es von schweren Ketten umfasst war. Der preußische König besichtigte anschließend das Schlachtfeld und die Stadt. Auch die noch nicht ganz fertig gestellte katholische Kirche und eine Bandfabrik, wo sich der König als Weber versuchte, standen auf dem Besuchsprogramm. Während seines Aufenthaltes sprach der König vor allem mit den Familienmitgliedern der von der Leyens, dem Magistrat wurde nur am Rande für den freundlichen Empfang gedankt.

Negative Folgen für die Bürger

Die Nachkriegszeit brachte für die Stadt jedoch eher negative Folgen mit sich: Friedrich ließ Soldaten als Arbeiter für die von der Leyens nach Krefeld schicken. Diese sorgten für allerhand Unruhe. Ein anderer Rückschlag durch den Staat traf die in Krefeld aufkommende Tabakindustrie. Die finanziellen Bedingungen seitens des Staats waren derart hart, dass Firmen in die Niederlande oder ins Umfeld abwanderten. Zahlreiche Menschen wurden arbeitslos. Friedrich nahm die Maßnahme zurück und wollte auch für die Rückkehr der Firmen aufkommen, doch die kehrten nur zögerlich nach Krefeld zurück. Auch mit der Einführung einer anderen Steuer hatte der König wenig Erfolg und stieß auf den Widerstand der Krefelder Bürger. Und auch dabei musste er nachgeben.

"Crefeld - das Kleinod!"

Die Krefelder und vor allem die von der Leyens standen beim preußischen König im hohen Ansehen. In wirtschaftlichen Fragen wandte sich der Monarch oft an die Fabrikantenfamilie. Vor seinem Tod 1786 ließ Friedrich II. gegen die gewaltsame Rekrutierung von Soldaten festhalten: „Crefeld und die dasigen Manufacturen sehe ich als Kleinod an, von welchem die Werber wegbleiben müssen". Solche Sonderregeln gab es auch für andere Städte mit Manufakturen. In Krefeld, umgeben von Kurkölner Land, entstand daraus der Spruch: Es gibt Gute, Böse und Krefelder.

[Text + Bilder: Stadt Krefeld]

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