Kleve, Niederrhein, im Jahr 1539. Auf der Schwanenburg, dem Sitz derer von Jülich-Kleve-Berg, residiert Herzog Wilhelm, genannt der Reiche. Im Februar hat er von seinem Vater Johann III. eine enorme Machtfülle übernommen: Er regiert die vereinigten Herzogtümer Jülich, Kleve und Berg, dazu die Grafschaften Mark und Ravensberg und das Herzogtum Geldern, das größte Territorium im nördlichen Deutschland. Von seinem Vater hat Wilhelm auch die reformatorische Gesinnung übernommen. An seinem Hof beherbergt er berühmte Humanisten wie Johann von Vlatten, einen Intimus des Erasmus von Rotterdam und den Arzt Johann Weyer, der mit seiner Streitschrift „Wider den Hexenwahn“ aufklärerische Akzente gegen die päpstliche Inquisition setzt. So aufgeklärt es am Klever Hofe zugeht – in einem Punkt unterscheidet sich Wilhelm überhaupt nicht vom Rest des europäischen Adels: Heiraten gilt ihm wie seinen Standesgenossen nicht als romantische Bekräftigung der Liebe sondern zuallererst als probates Mittel, politische Allianzen zu schmieden.
Auch Heinrich VIII. von England, der 1534 die anglikanische Kirche gegründet hat, denkt ähnlich. Er ist bereits 48, war schon dreimal verheiratet, hat sich von seiner ersten Frau scheiden und die zweite enthaupten lassen, und ist jetzt, nachdem seine dritte Frau an Kindbettfieber gestorben ist, wieder auf Brautschau. Als Kuppler engagiert er seinen Lordsiegelbewahrer Thomas Cromwell. Der wird am Niederrhein fündig. Anna von Kleve soll die Glückliche sein, eine der drei Schwestern von Wilhelm dem Reichen. Eine unbedarfte junge Frau, 24 Jahre, aufgewachsen in der Nähe von Düsseldorf in Schloss Burg, pockennarbig, etwas grobschlächtig und ohne jede höfische Bildung. Fremdsprachenkenntnisse? Fehlanzeige. Heinrich VIII. ist selber alles andere als ein Adonis. Seit einem Turnierunfall vor drei Jahren wird er von einem Geschwür am Bein geplagt, dazu ist er dick und aufgeschwemmt, leidet wohl an Wassersucht, Diabetes oder Syphilis. Trotzdem ist er anspruchsvoll. Deswegen hat er sicherheitshalber seinen Hofmaler Hans Holbein losgeschickt, um die Auserwählte porträtieren zu lassen. Der malt ein äußerst vorteilhaftes Bild Annas – Heinrich ist Feuer und Flamme. Am 6. Oktober 1539 unterschreibt er den Heiratsvertrag.
Die Braut macht sich mit großem Gefolge in ihre neue Heimat auf. 263 Höflinge sind mit ihr, als sie im Dezember im Hafen von Calais von der englischen Flotte mit einem donnernden Salut begrüßt wird. Die Überfahrt nach Dover wird durch einen Sturm verzögert. Der schnöselige Graf von Southampton, Chef des englischen Gefolges, versucht seiner neuen Herrin in der Wartezeit Grundlagen der Sitten und Gebräuche am englischen Hof beizubringen und macht zugleich seinem in der Heimat der Gattin entgegenfiebernden Herrn Heinrich den Mund wässrig, schreibt dem König, die junge Anna sei von „ausgezeichneter Schönheit“. Umso größer ist die Enttäuschung des Bräutigams, als er Anna am 1. Januar 1540 in Rochester das erste Mal – verkleidet – gegenübertritt. „Ich mag sie nicht“, mosert er den Kuppler Cromwell an, den seine missglückte Wahl übrigens sechs Monate später den Kopf kosten soll. Geheiratet wird trotzdem, Vertrag ist Vertrag.
Am 6. Januar 1540 wird Anna von Kleve die erste deutsche Königin von England.
Die Hochzeitsnacht verläuft wenig aufregend. Heinrich findet Anna alles andere als erregend, und seine junge Gemahlin ist nicht gerade eine verruchte Gespielin. Sex ist ihr völlig fremd. Und so überrascht es nicht, dass der englische König die nächsten Monate damit verbringt, möglichst schmerz- und reibungslos von der Ungeliebten geschieden zu werden. Da die beiden nie „die Ehe vollzogen“ haben, wird diese schließlich am 9. Juli 1540 für ungültig erklärt. Heinrich legt sich eine neue Frau zu und ernennt Anna zu seiner „guten Schwester“, der er Burgen, Schlösser und eine stattliche Rente überschreibt. Anna von Kleve, die einfache junge Frau vom Niederrhein fügt sich klaglos in ihr Schicksal, verbringt die restlichen Jahres ihres Lebens auf Hever Castle und wird wegen ihrer Großzügigkeit von den Menschen in ihrer Umgebung als „mildtätige Dame“ verehrt. Sie stirbt am 28. Juli 1557 und wird mit großem Gepränge in der Westminster-Abtei beigesetzt. Heinrich stirbt zehn Jahre vor ihr, nachdem er seine fünfte Frau hat köpfen lassen und 1543 ein sechstes und letztes Mal geheiratet hat.
Text: Jan Jessen | NiederRhein Edition, Ausgabe Herbst/Winter 2008