Ein Hufschmied sattelt um

Dieser Mann ist ein Faktotum im besten Sinne: Otto Hunjürge weiß viel, kann viel und ist kreativ. Der lateinische Ausspruch „fac totum“, was übersetzt „Tu alles“ heißt, ist so etwas wie sein Lebensmotto. Wenn der staatlich geprüfte Huf- und Beschlagschmied für orthopädische Beschläge eine Idee hat – egal ob technisch, kulinarisch oder künstlerisch – tüftelt er daran so lange, bis das perfekte Ergebnis erreicht ist. Immer an seiner Seite ist Lebensgefährtin Esther Sini, von der der 57-Jährige bei jeder Gelegenheit schwärmt – noch ein Wesenszug des sympathischen Anpackers: Gute Menschen sind immer in seinem Herzen. Für sie würde er sein letztes Hemd geben. Gründe genug, diesen Mann mit allen seinen Facetten und Verrücktheiten vorzustellen.

Beruflich hat Otto Hunjürge alles erreicht, was ein Hufschmied erreichen kann: der gebürtige Wülfrather beschlug die erfolgreichsten Dressurpferde der Welt und hegte Freundschaften zu dessen nicht minder berühmten Reitern und Besitzern. Zu seinen prominenten zwei- und vierbeinigen Kunden gehörten unter anderen Jean Bemelmans mit Angelino, Nicole Uphoff mit Rembrandt und Gabriele Grillo mit Ultimo, sowie die nicht minder bekannten Dressurreiter Heiner Schiergen und Klaus Balkenhol.

Alles muss angefangen haben, als Otto Hunjürge neun Jahre alt war. Damals half er in Düssel bei Wülfrath regelmäßig in einem Reitstall beim Ausmisten der Pferdeboxen und lernte dabei einen Hufschmied mit dem klingenden Namen Donners kennen. „Ein riesengroßer Mann“, erinnert sich Otto Hunjürge, der immer die Pferdehufe halten musste, „wenn der Schmied mit dem heißen Eisen kam“. Im Alter von 13 Jahren wechselte Otto die Schule und zog zu seiner Oma nach Viersen. Diese Entscheidung hatten seine Eltern zum Wohl ihres Sohnes getroffen, da sie beruflich sehr eingespannt waren. Auch in Viersen half Otto nach der Schule in einem Reitstall. Allerdings nicht nur beim Ausmisten; er ging außerdem dem Schmied zur Hand.

„Reiten war nie meine Passion. Ich arbeite lieber am Pferd, als obendrauf zu sitzen.“
 

Als Otto zum 14. Geburtstag das Buch „Der Huf“ geschenkt bekam, las er es immer wieder und war fasziniert davon, „wie interessant und wichtig der Hufbeschlag ist. Denn er trägt dazu bei, eine Kreatur artgerecht zu behandeln“ und den Bewegungsapparat positiv zu unterstützen. Immer tiefer kniete er sich in die Materie hinein und half dem Schmied bald regelmäßig. Noch im selben Jahr machte Otto in den Schulferien ein Praktikum bei dessen Lehrmeister Gustav Optenplatz in Brüggen, einem weltweit angesehenen Hufschmied. Von seinem Lohn, immerhin 600 D-Mark, kaufte er eine Stereoanlage mit Bose-Boxen. Zwei Jahre später begann Hunjürge bei Gustav Optenplatz seine Ausbildung zum Hufbeschlagschmied, Wagenschmied und Schlosser.

Noch als Lehrling lernte Hunjürge die Dressurreiterin Margit Otto-Crepin kennen und beschlug alle ihre Pferde. „Margit hat mich davon überzeugt, mich selbständig zu machen. ,Du kannst das‘, hat sie zu mir gesagt“, erzählt Otto Hunjürge, der nach insgesamt neun Lehr- und Gesellenjahren seinen bis heute sehr geschätzten Lehrherrn verließ. Seitdem tourt der staatlich geprüfte Fachmann für Huf- und Orthopädiebeschläge mit seiner rollenden Schmiede durch die Lande.

 

„Alles, was denkbar ist, ist auch machbar“
 

Bei seiner Arbeit hält sich Otto Hunjürge noch heute an das Motto von Johannes Optenplatz, den Vater seines Lehrherrn: „Geht nicht, gibt es nicht. Alles was denkbar ist, ist auch machbar.“  Bereits während seiner Ausbildung hat er sich eine weitere Devise des Altmeisters zu eigen gemacht: „Bevor Du etwas anfängst, musst Du es getestet und ausgetüftelt haben. Und wenn Du die Sachen schon zehnmal gemacht hast, gibt es einen Weg, um sie zu perfektionieren.“ Mit dem Grundvertrauen in die eigenen Fähigkeiten, und ausgerüstet mit der notwendigen Geduld und Zielstrebigkeit, ging der heute 57-Jährige seinen beruflichen und privaten Weg. Bis März dieses Jahres. Dann kam Corona und mit der Pandemie eine unfreiwillige Auszeit vom Beruf. Aber Otto Hunjürge wäre nicht das Faktotum vom Niederrhein, wenn er nicht auch aus dieser Situation das Beste machen würde. Je mehr sich die Negativschlagzeilen rund um die unsichtbare Gefahr häuften, desto mehr wuchs seine Energie, Neues auszutüfteln und Angefangenes zu beenden.

Projekt „Pedersen“
 

Damit sind wir beim Projekt „Pedersen“. Das rund 60 Jahre alte schrottreife, aber äußerst seltene Fahrrad mit dem markanten Rahmen nur aus Dreiecken und einem sogenannten Hängemattensattel hatte über 30 Jahre versteckt und verstaubt in einer Scheune in Wegberg gestanden, bis Tüftler Otto sein schlummerndes Potenzial erkannte und es im März 2019 ans Tageslicht beförderte: „Ich sah auf den ersten Blick, dass es etwas Besonderes ist, denn so sieht kein normales Fahrrad aus. Dass man irgendwann wieder damit fahren könnte, wusste ich zu dem Zeitpunkt allerdings noch nicht.“ Aber genau das war seine Vision: Aus dem unscheinbaren Drahtesel des Dänen Mikael Pedersen, dessen Erfindung 1893 in Großbritannien und ein halbes Jahr später auch in Deutschland zum Patent angemeldet wurde, sollte wieder ein erstklassiger Vollblüter werden.

In der Gedankenschmiede von Otto Hunjürge ging es erst einmal hoch her, bevor er sein Arbeitszimmer in der Etagenwohnung in Düsseldorf-Derendorf zur Werkstatt umfunktionierte. In rund 400 Arbeitsstunden wurde repariert, gefräst, gefeilt, poliert, individuell veredelt und re-designt. Und wenn ihm nachts eine Idee kam, stand Otto Hunjürge auf, um sie aufzuschreiben und direkt am nächsten Tag umzusetzen. „Für mich als Hufschmied war es eine echte Herausforderung, einen Drahtesel aufzuarbeiten, sozusagen als autogenes Training nach meinem anstrengenden Arbeitstag, und das alles trotz ständig schmutziger und blutender Hände“, schmunzelt der Finder des zweirädrigen Schatzes. Er arbeitete den Lenker auf, verbaute unzählige hochpolierte Messingschrauben und schnitt die ursprünglichen Schutzbleche aus Olivenholz auseinander, um sie mit Messingblechen zu neuen zu verbinden. Der Rahmen wurde gesandstrahlt und dann in hochglänzendem Schwarz pulverbeschichtet. „Allein die Rostentfernung der Kette hat mich dreieinhalb Stunden gekostet und das Putzen und Polieren einer einzigen Fahrradfelge ungefähr 25 Stunden, natürlich in mehreren Etappen“, erzählt der zielstrebige Tüftler. Ein optisches Highlight neben dem Rahmen aus 21 Dreiecken ist zweifellos der Hängemattensattel aus reinem Leder, der beim Fahren mitschwingt. Pedersen-Experte Otto Hunjürge, der übrigens nur ein paarmal als Kind auf einem Pferd gesessen hat, zieht den Fahrradsattel dem Reitsattel eindeutig vor und ist begeistert vom einzigartigen Sitzkomfort: „Man muss sich das in etwa so vorstellen, als ob man auf Hawaii in einer Hängematte zwischen zwei Palmen schwebt.“ Weniger pathetisch heißt das: Beim Radeln hat man eine sehr entspannte Sitzhaltung.

Schwingender Hängemattensattel und „aufgepimpte“ Luftpumpe


Weil ihn die Fertigung seines ersten Sattels so fasziniert hat, entstanden während der Corona-Zwangspause zig weitere Hängemattensättel – natürlich samt bequemem Innenleben aus Schaumstoff und Lederunterseite. Alle hat Otto Hunjürge mit Messingschrauben und Schmucksteinen versehen. Und sollte den Reifen mal die Luft ausgehen, kommt die restaurierte Original-Luftpumpe zum Einsatz, die zur Krönung ebenfalls mit einem Schmuckstein aufgepimpt wurde. Insgesamt 65 zieren das fertige Fahrrad. A propos, Schmucksteine – die dekorieren auch Hunjürges selbst kreierte Schlüsselanhänger aus Metall, die gleichzeitig als Einkaufswagenlöser dienen.

Der Tatendurst ist noch längst nicht gestillt


In diesen Wochen begegnet man Otto Hunjürge übrigens immer mal wieder mit seinem Pedersen-Unikat am Niederrhein und wird auf dem Gesicht des 57-Jährigen ein zufriedenes Lächeln entdecken. Aber das Blitzen in seinen Augen verrät: Der Tatendurst des Tüftlers ist noch längst nicht gestillt. Beim Kochen von Wildhasen-Gulasch oder einer Bouillabaisse, beim Ausprobieren und liebevollen Garnieren neuer Gerichte oder bei einem Glas Wein schmiedet er schon neue Pläne. Zurzeit arbeitet er an einem Gürtel aus Leder, der Rückenschmerzen lindern soll. Einige Prototypen werden zurzeit von Bekannten und Freunden getestet. Hunjürge selbst trägt seit 30 Jahren einen ähnlichen Gürtel mit Lammfell und einem speziellen Magneten unter seiner Schmiedeschürze und hat seitdem keine Rückenschmerzen mehr, wie er versichert. Diesen Rückenschoner hat er nach einem Muster aus den USA nachgebaut, das ihm sein Kollege und Freund Heinz Breddemann gezeigt hat. Der beschlägt übrigens die Pferde der Familie Swarowski und war lange Zeit Fachvorsitzender der Hufschmiede Deutschlands. Und auch bei dieser Arbeit nimmt sich Otto Hunjürge den Spruch seines alten Lehrherrn zu Herzen: „Bevor Du etwas anfängst, musst Du es getestet haben. Und wenn Du die Sachen schon zehnmal gemacht hast, gibt es immer einen Weg, sie zu perfektionieren – und wenn man es hundert Mal machen muss, bis es sitzt. Jung, et wird schon jonn.“

Wir drehen das Rad zurück

Der Däne Mikael Pedersen (1855-1892) war mit dem Sitzkomfort damaliger Fahrräder nicht zufrieden und entwickelte daher einen geflochtenen Sattel, der wie eine Hängematte aufgehängt wurde. Um diesen seitlich schwingenden Sattel baute er einen Rahmen aus 21 Dreiecken. Mit minimalem Gewicht erreichte er dadurch eine extrem hohe Stabilität. Die Herstellung eines solchen Rahmens ist, bedingt durch die vielen Lötstellen, erheblich aufwändiger als bei einem konventionellen Fahrrad. Deshalb sind Pedersen-Räder teurer als konventionelle Fahrräder.

Der reguläre Preis liegt bei ca. 3.200 Euro aufwärts für ein 28er-Rad mit Grundausstattung. Das von Otto Hunjürge aufgearbeitete und re-designte Pedersen-Rad hat einen deutlich höheren Wert, der sich ermessen lässt, wenn man bei 400 Arbeitsstunden einen Stundensatz von 38 Euro ansetzt. Zwischenzeitlich hat ihm ein Bekannter schon richtig viel Geld geboten. „Aber ich kann mich noch nicht trennen“, verrät der Pedersen-Liebhaber. Weltweit wurden bis heute übrigens rund 9.800 solcher Fahrräder gebaut. Gesehen hat er bisher nirgendwo eins, auch nicht in der Fahrradhauptstadt Münster.
 

Wer mehr Informationen über Pedersen-Fahrräder in Deutschland haben möchte, der kann sich hier schlau machen: www.pedersenfreunde.de
Und wer mit Otto Hunjürge in Kontakt kommen möchte, schreibt ihm eine Mail: otto_hunjuerge(at)yahoo.de