Das Magazin für Kultur und Lebensart am Niederrhein

Erinnerung wachhalten

Mönchengladbach erinnert sich an den Widerstandskämpfer Theo Hespers

 

Text + Bilder: Axel Küppers | NiederRhein Edition, Ausgabe 01/2018

Der Kreis hat sich geschlossen. Am 9. September 2017 wird an einer Mönchengladbacher Schule der Gedenkstein für den katholischen Widerstandskämpfer Theo Hespers enthüllt. Das öffentliche Echo ist überwältigend. Kein halbes Jahr später, am 31. Januar 2018, wird dessen Sohn Dietrich in Mönchengladbach zu Grabe getragen. Der 86-Jährige hat sich ein halbes Jahrhundert dafür engagiert, dass für seinen Vater eine würdevolle Gedenkstätte in der Heimatstadt errichtet wird.

Der 1903 in Mönchengladbach geborene Theo Hespers hat gegen die Nazi-Tyrannei gekämpft und ist 1943 in Berlin-Plötzensee von Hitlers Schergen hingerichtet worden. Dietrich war damals zwölf Jahre alt, als der Vater an den Galgen kam. Das traumatische Erlebnis hat ihn und die Seinen zeitlebens begleitet. Von Kindesbeinen an auf der Flucht vor dem verbrecherischen Regime, nach dem Krieg mit einer Welt konfrontiert, die sich schwertut, den Holocaust und die Verstrickungen vieler Menschen in das Regime zu akzeptieren und aufzuarbeiten, ist die Familiengeschichte geprägt von dieser alles überschattenden Tragödie. 

Dem größten Widerstandskämpfer der Stadt Mönchengladbach ein würdiges Andenken geben

 

Dietrich Hespers selbst hat diese schrecklichen Jahre erst spät aufgearbeitet und war im Prinzip zeitlebens auf der Flucht: als Vagabund, Straßenmusiker, Maurer, Matrose, Literat, Lehrer und Volksliedforscher. Der Name Hespers steht international für Widerstand gegen Terror, Ungerechtigkeit, Rassismus, Fremdenhass, Diktatur. Hespers ist gleichzusetzen mit Toleranz, Schutz gegenüber Minderheiten und Schwachen, Zivilcourage und Mitmenschlichkeit. Diese DNA tragen die Hespers in sich und vertreten die humanitären Werte mit allem, was sie haben. Und Dietrich Hespers wurde so etwas wie der Nachlassverwalter des Theo-Hespers-Erbes. Dazu gehört, dass der Rastlose 1993 in Mönchengladbach eine Stiftung zu Ehren seines Vaters gründete. Für die Hespers ist der  09. September 2017 vielleicht der wichtigste Tag ihrer bewegten Familiengeschichte. Ansätze, dem größten Widerstandskämpfer der Stadt ein würdiges Andenken geben zu wollen, gab es zwar einige. Aufgrund der unermüdlichen Erinnerungsarbeit der Familie und der Stiftung ist der Name Hespers in der Stadt schon präsenter als die Namen anderer Ermordeter, etwa Walter Spix, Kuno Kamphausen oder Luise Löwenfels. Aber erst aus der Tiefe der Zeit und mit dem nötigen Abstand ist es jetzt – wir schreiben den 74. Todestag von Theo Hespers und sind im 72. Nachkriegsjahr – gelungen, das Gedankengut von Theo Hespers in jenen Granitstein zu verewigen, der dem Märtyrer zweifelsohne zusteht. Neben einem Stolperstein an dessen Elternhaus und einer schlichten Gedenkplatte auf dem städtischen Ehrenfriedhof gibt es kaum etwas, was an den überzeugten Demokraten mit christlichen Wurzeln erinnert. 

»Die Erneuerung der Lebensverhältnisse ist aber nur dann praktisch durchführbar, wenn ihr eine neue Gesinnung zugrunde liegt.« 

Theo Hespers

Der Internet-Brockhaus Wikipedia erwähnt im ersten Aufschlag unter den bekanntesten Mönchengladbachern Namen den Fußballer Günter Netzer, den Philosophen Hans Jonas, die Rennfahrer Nick Heidfeld und Heinz-Harald Frentzen, den Flugzeugkonstrukteur Hugo Junkers oder den Nazi-Propagandaminister Joseph Goebbels. Um Näheres über Theo Hespers zu finden, muss der Interessierte mehrmals klicken und findet ihn schließlich zwischen Josef Windeck und Paul Franken. In Mönchengladbach gibt es Menschen, die Theo Hespers aus diesem Pool herausziehen und der Bedeutung und Wirkung des Widerständskämpfers im Licht der Öffentlichkeit den gebührenden Platz einräumen wollen. Neben dem Sohn Dietrich und dem Enkel Dirk ist dies vor allem Ferdinand Hoeren, Vorsitzender der Theo-Hespers-Stiftung.

Initiativkreis „Hespers“

Um Hoeren und Drikkes, wie der kürzlich verstorbene Hespers-Sohn allenthalben genannt wurde, hat sich seit Anfang des neuen Jahrtausends ein Initiativkreis gegründet. Seit 2008 haben sich die Hespersfreunde in Kempen-St. Hubert auf einem historischen Anwesen, dem Bliexhof, getroffen. Dort lebt und arbeitet der Grafiker Jürgen Pankarz. Bei Wein und Suppe hat der Kreis, zu dem auch der verstorbene Mönchengladbacher Propst Edmund Erlemann sowie der Bildhauer Manfred Messing gehörten, Ideen entwickelt, das Erbe des Widerstandskämpfers zu pflegen und vor allem der Jugend zugänglich zu machen. „Es fehlt im Grunde so etwas wie ein Platz, auf dem auch die jüngere Generation Theo Hespers begegnet“, berichtete Ferdinand Hoeren noch 2016. Knapp zehn Jahre nach der Gründung des Initiativkreises ist aus der Idee eine Gedenkstätte geworden, die sämtliche Erwartungen übertroffen hat. Das hat Gründe:

  • Erstens: Der Freundeskreis „Hespers“ hat nie gedrängt oder überzogen die Öffentlichkeit gesucht, sondern ist immer behutsam, mit Augenmaß und der gebotenen Transparenz vorgegangen. Im Einvernehmen mit Stadt, Behörden, Freunden, Förderern, Fachleuten und Kreativen sind stets alle eingebunden, gefragt und mitgenommen worden.
  • Zweitens: Mit dem Grafiker Pankarz und dem Bildhauer Messing hat man zwei Hochkaräter an Bord, die bereits an anderer Stelle gezeigt haben, dass sie das Ideengut großer Persönlichkeiten künstlerisch einfühlsam und anspruchsvoll umsetzen können.  Im Jahr 2007 beispielsweise haben Pankarz und Messing in Moers eine Stele für den 2005 verstorbenen Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch entwickelt, die an das Lebenswerk des „Schwarzen Schafs vom Niederrhein“ erinnert. Im gleichen Niveau hat das Duo nun in Mönchengladbach vor der Städtischen Gesamtschule Stadtmitte an der Dülkener Straße 85 im zentrumsnahen Ortsteil Windberg einen Hespers-Platz mit Gedenkstein entwickelt. Die Schule heißt seit der Enthüllung des Steins Theo-Hespers-Gesamtschule. 
  • Drittens: Die Botschaft ist bei den Entscheidern angekommen – vor allem im Mönchengladbacher Rathaus, beim Landschaftsverband Rheinland (LVR) und den Kulturtreibenden der Stadt.

Mit der Erinnerung an Theo Hespers soll nicht nur Zeitgeschichte bewusst gemacht, sondern auch ein Zeichen gesetzt werden, das vom Gedenken zum Denken führt.

„Hier geht es darum, die Erinnerung an Theo Hespers wach zu halten und sich an ihm ein Vorbild zu nehmen“, sagte Mönchengladbachers Oberbürgermeister Hans Wilhelm Reiners bei der Enthüllung der Stele. Und: „Wo könnte dieser Stein besser stehen als an einer Schule – einem Ort der Jugend, des Lernens und der Zukunft.“ Dem Oberbürgermeister merkte man sein persönliches Interesse an. Noch lange nach dem offiziellen Akt studierte Reiners die Stele und tauschte sich mit den Künstlern, der Familie, Freunden und Interessierten aus. Mit ähnlichen Worten hatte der LVR das Vorhaben in einem Projektblatt positiv beschieden und Förderung zugesagt. In der Begründung heißt es in dem Papier: Mit der Erinnerung an Theo Hespers soll nicht nur Zeitgeschichte bewusst gemacht, sondern auch ein Zeichen gesetzt werden, das vom Gedenken zum Denken führt. Die vorgesehenen Inschriften auf der Stele aus Texten von Theo Hespers verdeutlichen den Stellenwert der Demokratie vor dem Hintergrund der Tyrannei, die soziale Verantwortung und den Wert von Freundschaft und Loyalität. Genau dieses Bild „vom Gedenken zum Denken“ nahm Susanne Titz, die Direktorin des Mönchengladbacher Museums Abteiberg, bei der Enthüllung in den Mund. Susanne Titz hob auch auf die nachhaltige künstlerische Umsetzung des Denkmals ab: „Die Ausarbeitung von Jürgen Pankarz und Manfred Messing dokumentiert, wie gegenwärtig ein Denkmal in der heutigen Zeit sein kann und sein muss.“

Gesamtschule Stadtmitte wird Theo-Hespers-Gesamtschule

Mit der gelungenen Vollendung und dem feierlichen Akt setze die Stadt „ein Zeichen“. Raphaela Hahn, die Leiterin der Theo-Hespers-Gesamtschule, hob auf den pädagogischen Mehrwert ab, den ein Gedenkort wie dieser auf dem Schulhof mit sich bringt. Die Lehrer, Schüler und Eltern der Gesamtschule beschäftigen sich seitdem intensiver mit dem Wirken von Theo Hespers. Raphaela Hahn begrüßte ausdrücklich den Beschluss der Mönchengladbacher Schulkonferenz, die Gesamtschule Stadtmitte in Theo-Hespers-Gesamtschule umzubenennen. 

Was den neuen Hespers-Platz zu einer modernen Gedenkstätte macht, ist sicherlich der Ansatz von Manfred Messing, aus dem 1,90 Meter hohen und 500 Kilogramm schweren Granit vier Stücke auszuschneiden und darauf Hespers-Zitate einzumeißeln. Auf den Blöcken findet sich unter anderem das wohl berühmteste Hespers-Zitat: 

»Und sag meinen Freunden ich habe keinen verraten.« 

Theo Hespers

Die zehn Zentimeter dicken Tafeln sind am Boden um die Hespers-Stele herum in ein Kiesbett eingelegt und laden somit zur Beschäftigung mit dem Gedankengut des Widerstandskämpfers ein. Keine Stolpersteine, sondern Steine des Erinnerns. „Im Granit selbst entsteht so eine Art Gedankenkammer“, sagt Manfred Messing. Jürgen Pankarz hat auf der Stele einen Scherenschnitt von Theo Hespers reliefartig auf den Granit gebracht, so dass ein direkter visueller Bezug zum Widerstandskämpfer hergestellt wird. Bereits bei der Einweihung spürte jeder der rund 100 Anwesenden, dass dies kein herkömmlicher Ort ist, an dem Kunst oder Geschichte lediglich konsumiert wird. Aus der Anfangsidee des Initiativkreises, eine Gedenkstätte zu schaffen, ist ein begehbarer Platz mitten im pulsierenden Leben geworden.  

Mönchengladbach, der Niederrhein, ja ganz Deutschland hat ein einen Zugang zu einem der schwierigsten Themen der jüngeren Zeitgeschichte gefunden, der die Menschen anspricht und zum Nachdenken anregt. „Dies ist umso wichtiger, weil Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz in jüngster Zeit wieder um sich greifen“, so Ferdinand Hoeren in seiner Begrüßungsrede am 09. September 2017. Das Ergebnis der Bundestagswahl zwei Wochen später sollte ihm da Recht geben. 

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