Zwischen Tradition und Moderne: Kloster Knechtsteden

Die ehemalige Prämonstratenserabtei aus dem frühen 12. Jahrhundert, die sich seit 1895 im Besitz des Spiritanerordens befindet, ist westlich von Dormagen im Rhein-Kreis Neuss gelegen.

 

Fest verschlossen ist der Bücherschrank – so als seien diese Werke auf alle Zeiten weggesperrt. In den riesigen Regalen der Kloster-Bibliothek haben es etwa hundert Bücher direkt hinter Gitter geschafft. „Das sind die Libri Prohibiti, die sogenannten „verbotenen Bücher“, die man auf keinen Fall lesen darf“, erklärt uns Pater Herrmann Josef Reetz bei unserem spannenden Rundgang durch das Kloster Knechtsteden in der Nähe von Dormagen.

Amouröse Ausschweifungen, Geschichten vom Tod und Teufel, all das, nach christlicher Lehre, „Böse“, befindet sich in den etwa hundert – aus Sicht der katholischen Kirche – ketzerischen Schriften. „Darunter fallen aber auch harmlose Liebesgeschichten aus dem Mittelalter“, beschwichtigt uns Pater Reetz. Der 81-jährige pensionierte Ordensmann ist gleichzeitig Leiter der Bibliothek, in der sich weit mehr als 2.000 alte „Schinken“, teils in abgewetzten Ledereinbänden, in hohen Regalen bis unter die Decke türmen. Alle Bücher in der gut sortierten Bibliothek stammen aus der Zeit zwischen 1490 und 1850. Taucht man in den Raum mit den hohen Decken weiter ein, hat es etwas von der geheimnisumwitterten Mystik aus dem mittelalterlichen Kriminalroman „Der Name der Rose“ von Umberto Eco. In der Geschichte geht es um eine Reihe von nebulösen Morden an Mönchen in einem italienischen Benediktinerkloster, die sich zu sehr mit der Lehre aus verbotenen Büchern beschäftigt haben sollen. Hier im weltoffenen Kloster Knechtsteden weiß man aber um die Bedeutung eines solchen Bücherbestandes. Nicht umsonst steht in der Satzungsgrundlage der hier lebenden Spiritaner etwas von „Förderung des volksbildenden Schrifttums“. Dem haben sich die weltweit aktiven Missionsbrüder, die das Kloster erst 1895 übernahmen, 1921 verschrieben.

Ursprünglich war Knechtsteden ein Prämonstratenserkloster. Die Grundsteinlegung erfolgte im Jahr 1138 durch Uda Linde. Die Prämonstratenser beriefen sich auf die Lehre des Hl. Norberts, der sich als Wanderprediger im 11. Jahrhundert wieder den Lehren der christlichen Urkirche gewidmet hatte: ein Leben in Armut und Demut, sowie Übernahme seelsorgerischer Tätigkeiten. Im Zuge Napoleons Säkularisationspolitik wurden die Mönche 1802 von hier vertrieben. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das Kloster Knechtsteden zu einer Nervenheilanstalt, bis es dann am 7. Juni 1869, am Tag des Norbertfestes, komplett ausbrannte. „Die umliegenden Bauern standen im Verdacht, den Brand gelegt zu haben“, erzählt Pater Emeka, der als Superior, also Hausoberer der Patres und Brüder, die Leitung des Klosters innehat. Erst unter den Spiritanern erblühte Knechtsteden wieder.

Ein Herzensprojekt des bibliophilen Pater Reetz ist neben der Bibliothek die „Bücherstube“, in der man Goethes Gesamtwerk, genauso wie die Autorin Utta Danella findet. „Ich hatte damals die Idee, aus Haushalten ausrangierte Bücher als Spende entgegenzunehmen, um sie hier der Öffentlichkeit gegen kleines Geld erneut anzubieten“, erzählt der pensionierte Ordensmann. „Wir haben unser Kloster total umgekrempelt und fast in einen Erlebnispark verwandelt“, ergänzt der 50-jährige Pater Emeka, der Geschäftsführer der Missionsgesellschaft ist, sowie im Vorstand der Spiritaner-Stiftung mitwirkt. „Heute kommen die Menschen zu uns, nachdem wir viele Jahre als Missionare hinter ihnen hergelaufen sind“, streut Pater Reetz mit einem Lächeln ein. „So ist immer eine große Anzahl von Besuchern anwesend bei unseren Bibliotheksabenden, bei denen wir zeitgenössische, angesagte Autoren zu Lesungen einladen.“

Ein weiterer Publikumsmagnet ist das Festival Alte Musik im Kloster Knechtsteden, das mit internationalen Top-Acts der Klassik die Liebhaber dieser Sparte anspricht. Ein Klosterladen, in dem man Devotionalien bis hin zum Honig erwerben kann, sowie der Klosterhof, der für Feste und Veranstaltungen angemietet werden kann, tun ihr Übriges, um die Menschen anzulocken. In der Kleiderstube kann man sich für kleines Geld komplett neu einkleiden. „Außerdem ist unsere Basilika bei den Gottesdiensten sonntags regelmäßig sehr gut besucht“, sagt Pater Emeka, der auch in der Jugendseelsorge wirkte. Suchende, Fragende und Exerzitanten haben die Möglichkeit zur Einkehr und Rückzug im Kloster. Und nicht zu vergessen, zählt auch ein Waldkindergarten, der den Kids die Natur erlebbar macht, mit zu den Einrichtungen auf dem Gelände. Das Hauptaugenmerk der Patres liegt aber auf dem NOTel in Köln, bei dem sich die Spiritaner-Stiftung auf die Beherbergung und Versorgung von Obdachlosen und Drogenabhängigen konzentriert, sowie dem Betrieb des Hl. Geist-Gymnasiums in Würselen, und die Gewinnung junger Missionare, die dann weltweit andere Kulturen kennenlernen können und vor Ort bei Projekten aktiv sind.

Und wie sieht es mit dem Nachwuchs aus? Anders als im Kloster Einsiedeln in der Schweiz, in das wieder Novizen traten, gab es vor sieben Jahren die letzte Aufnahme eines Mitbruders in Knechtsteden, so berichtet es Pater Emeka. Insgesamt 16 Mitbrüder leben momentan im Kloster Knechtsteden, viele verbringen hier ihren Lebensabend. Der Jüngste ist 47 Jahre alt, der älteste 91.

Text: Stephan Sadowski

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