Das Magazin für Kultur und Lebensart am Niederrhein

KWM vereint Kunst und Handwerk

Das Kaiser Wilhelm Museum in Krefeld atmet den Geist des Bauhauses und verströmt den Duft der Moderne. Die Leiterin Katia Baudin zeigt sich experimentierfreudig, das Programm ist zeitgenössisch. Ein Kunsthaus mit Profil.

100 Jahre Bauhaus ist nun Vergangenheit. Aber das tangiert Katia Baudin nicht. „Das Bauhaus ist hier zuhause, egal ob Bauhaus-Jahr oder nicht.“ Die Direktorin der Kunstmuseen Krefeld mit dem Kaiser Wilhelm Museum sagt dies mit ebenso Stolz wie Selbstbewusstsein in der Stimme. Tatsächlich hat das Bauhaus von Anfang an die Geschicke des Museums am Krefelder Karlsplatz geprägt.

Der Zyklus „Lebensalter“ von Johan Thorn Prikker im sogenannten Marmorsaal des Kaiser Wilhelm Museums.

1897 gegründet, war das Museum im italienischen Renaissance-Stil als ein Haus für Kunst und Kunstgewerbe konzipiert, in dem freie Kunst und Alltagsgestaltung eng verbunden waren. Der Gründungsdirektor Friedrich Deneken (1857-1927) gehörte zu den progressivsten Vertretern der Reformbewegungen in Deutschland. Mit Peter Behrens (1868-1940), einem Pionier des modernen Industriedesigns, tauschte sich Deneken ab 1898 aus. Behrens wiederum war dem Bauhaus verbunden. In seinem Architekturbüro arbeiteten Bauhaus-Strategen wie Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe und Le Corbusier. „Im Kaiser Wilhelm Museum hat sich ein 150 Seiten langer Schriftwechsel erhalten, der den Dialog zwischen einem ambitionierten Museumsdirektor und einem aufstrebenden Künstler dokumentiert“, berichtet Katia Baudin, seit 2016 Direktorin der Kunstmuseen Krefeld.

 

»Das Praktische und das Ideale miteinander in Einklang bringen.«

– Peter Behrens –

Natürlich hat sich das Kaiser Wilhelm Museum im Bauhaus-Jahr 2019 intensiv dem Einfluss von Peter Behrens gewidmet. Das Praktische und das Ideale miteinander in Einklang bringen – so formulierte es der Erfinder des AEG-Schriftzugs programmatisch in einem Brief an Deneken. Das Kaiser Wilhelm zeigte erstmals in einer Ausstellung seine Sammlungsbestände des Künstlers Behrens. Unter den insgesamt 250 Behrens-Werken aus der Zeit zwischen 1900 und 1911/12 sind Werbegrafik und Typographie, Gläser, Tapetenentwürfe, Plakate, Holzschnitte, Bücher, Kataloge und Fotografien. „Diese Werke machen deutlich, wie Behrens sich vom Jugendstil-Künstler zum Vorreiter der modernen Werbe- und Industriegestaltung entwickelt hat“, berichtet Katia Baudin, die vor ihrer Krefelder Zeit am Museum Ludwig in Köln gewirkt hat.

Dieses Plakat für die AEG wurde von Peter Behrens 1907 entworfen. Es hängt heute im Kaiser Wilhelm Museum in Krefeld.

Peter Behrens war ursprünglich Künstler, wurde dann als Architekt vor dem Ersten Weltkrieg zum Vorreiter der sachlichen Architektur und des Industriedesigns. Er ist insbesondere bekannt als Mitbegründer des Deutschen Werkbundes und durch seine umfassende gestalterische Tätigkeit für die AEG vor dem Ersten Weltkrieg. Er gilt als Prototyp des Industriedesigners und zugleich als Erfinder des Corporate Design, indem er bei der AEG vom Briefbogen über die Produkte, wie etwa elektrische Teekessel bis hin zu deren Fabrikbauten, alles in einem einheitlichen Sinne gestaltete. Besondere Bedeutung erlangte das von ihm geführte Architekturbüro, weil dort einige später berühmt gewordene Architekten – unter anderem Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe und Le Corbusier – quasi gleichzeitig gearbeitet hatten. Darüber hinaus entwarf er eine Reihe von Satzschriften u. a. 1907 die Behrens Antiqua.

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Diese frühen Jahre machen deutlich: Kunst und Alltagsgestaltung gingen stets Hand in Hand in Krefeld

 Dieser Touch ist bis heute geblieben, mehr als 120 Jahre nach der Gründung. „Das Haus verkörpert die Idee als Bürgermuseum“, sagt die Deutsch-Französin Katia Baudin, die an der Pariser Sorbonne Kunstgeschichte und in New York Business Administration studiert hat. Damit ist das Haus mehr als ein Aufbewahrungsort herausragender Kunstschätze und ein Ort, kulturelles Erbe zu bewahren. Design, Architektur und Wirtschaft  sind vielmehr prägend und drücken ihm den Stempel der Alltagstauglichkeit auf. Deneken war es, der Kreative wie Thorn Prikker, Alfred Mohrbutter und eben Peter Behrens nach Krefeld holte, um deren Ideen für das heimische Handwerk nutzbar zu machen. Will sagen: Es gab keine Unterschiede zwischen hoher Kunst und Kunstgewerbe, Kunst von Naturvölkern, Outsidern oder Dilettanten. Das nennt man programmatisch und war damals hochmodern, ja avantgardistisch.

Doch was meint die 1967 an der Seine geborene Leiterin mit „Bürgermuseum“? Aus der Bürgerschaft heraus wurde der dem ersten deutschen Kaiser Wilhelm I. gewidmete Musen-Palast gegründet. Wegbereiter ist der 1860 gegründete Handwerker- und Bildungsverein. Der Verein bindet Bürger unterschiedlicher sozialer Herkunft. Die Krefelder haben „ihr“ Museum von jeher mitgetragen, unterstützt – und weitgehend auch selbst bezahlt. In den Anfängen war es allerdings noch eine Zeit, als die Samt- und Seiden-Perle am Niederrhein in seiner Blüte stand und Krefeld eine der reichsten Städte des Reichs war. Das KWM, wie es salopp genannt wird, strahlt dieses Selbstbewusstsein einer „reichen“ Bürgerschaft aus.

Mutterschiff & Bauhaus-Connection

„Das Kaiser Wilhelm Museum ist das Mutterschiff, die beiden Häuser Lange und Esters von Ludwig Mies van der Rohe sind die Satelliten“, formuliert es Katia Baudin. Das alles hat viel mit dem Bauhaus zu tun. Max Creutz (1876-1932), der Leiter nach Deniken, griff den von Gropius formulierten Gedanken beherzt auf, Kunst und Handwerk zusammen zu führen. Die Bauhaus-Connection kam dem Kaiser Wilhelm Museum zugute. „Der Dialog an der Schnittstelle zum Alltag war stets gegeben“, bringt es die stellvertretende Museumsleiterin Dr. Sylvia Martin auf den Punkt. Die Kuratorin kennt die Geschichte dieses Haus inklusive der Turbulenzen um Identität und Wandel wie kaum eine andere. „Im Bauhausjahr ist diese Geschichte des Museums noch einmal offensichtlich geworden“, so Dr.  Sylvia Martin. Und verweist auf Kunst von Bauhaus-Meistern am Krefelder Joseph-Beuys-Platz 1, etwa die bronzene Skulptur „Schwimmerin“ von Gerhard Marcks zwischen einem Quadratbild von Josef Albers und einem „Fließenden Rot“ von Georg Muche.

Der Glanz der Gründer und der frische Wind der Moderne erreicht das junge Publikum

Doch 123 Jahre sind eine lange Zeit. Einen regelrechten Schub gegeben hat dem Museum die vier Jahre währende Sanierung bis 2016. Beziehungsweise die Jahre danach, so wie Katia Baudin mit ihrem Team sie gestaltete. Bereits der Umbau hat die Qualitäten des historischen Gebäudes neu definiert und mit der Gegenwart synchronisiert. Eingangsbereich, Foyer und Cafeteria  sind neu strukturiert. Eine großflächige dreigeteilte Lichtdecke sorgt für ausreichend Beleuchtung und eine repräsentative Atmosphäre im Foyer, wo sich auch der Museumsshop befindet. Spannende Blickachsen bietet die zweiseitige Treppenanlage, die die Etagen miteinander verbindet. Ihr kompakter, weiß gestrichener Betonkorpus windet sich auf zwei Seiten spiegelbildlich spiralig nach oben und bildet damit einen Kontrast zur klaren Abfolge der Stockwerke. Keine Frage: Das Kaiser Wilhelm Museum strahlt den Glanz der Gründer aus und hat die Kurve in die Moderne bekommen. In den vergangenen vier Jahren hat das KWM ein junges Publikum erreicht. Dazu tragen Aktionen wie „KunstImPuls“ bei, die offen und interdisziplinär ablaufen und lokale Partner ins Boot holen. „Die Krefelder empfinden das Museum als ihr Wohnzimmer“, beschreibt es Katia Baudin, die sich mit ihrem Team bei „KunstImPuls“ regelmäßig über 300 bis 800 Besucher freut. Bereits nach dem vorletzten großen Umbau im Jahr 1969 hatte der damalige Direktor Paul Wember (1913-1987) darauf verwiesen, dass das Kaiser Wilhelm Museum „menschlich gelockert und nicht weihevoll-pathetisch“ rüberkommt. Das ist wohl bis heute gültig. Man könnte auch sagen: Das Haus ist barrierefrei im übertragenen wie im wörtlichen Sinne. Katia Baudin hat noch mal ordentlich Luft reingelassen. Neben Bürgerhaus und Wohnzimmer legt sie Wert auf die 18.000 Werke umfassende Sammlung, deren Präsentation und Weiterentwicklung. Die Stücke werden nicht 08/15 aus dem Depot geholt und ans Licht der 2020er-Jahre gezerrt, sondern oftmals in einen neuen Zusammenhang gebracht – inklusive der sammlungsbezogenen Themenausstellungen. Ihr Händchen für kreative Konfrontationen werden beispielsweise deutlich, wenn die Stoffbahnen eines Blinky Palermo auf die Textilentwürfe von Sonia Delaunay treffen. 2019 gelang Katia Baudin der Coup, ein Konvolut mit 100 Zeichnungen dieser französischen Künstlerin zu erwerben. Es ist der größte Ankauf in der Nachkriegszeit für die Klassische Moderne der Sammlung im KWM und zeigt, mit welchem Ehrgeiz dieses Haus seinen Bestand mit Augenmaß, etwas Fortune und bereitwilligen Geldgebern erweitert. Im Jahr zuvor hat Katia Baudin den ausgefransten textilen Bezügen der Samt- und Seidenstadt Rechnung getragen, indem sie die von der Sammlungs-Kustodin Magdalena Holzhey kuratierte opulente Schau „Auf Freiheit zugeschnitten“ vorstellte. Es ging um das Künstlerkleid um 1900 als Revolution für Mode, Kunst und ein neues Körperbewusstsein. Das ist eine ganz andere Sprache, als sie in den etablierten Häusern in Düsseldorf und Köln gepflegt wird.

Der kunsthistorische Bogen spannt sich von der Gotik bis hin zur deutschen Kunst der 1950er-Jahre sowie modernen Strömungen, zeitgenössischer Kunst und aktuellem Design

Was verbindet der Museumsgast ferner mit dem guten alten Kaiser Wilhelm Museum? Es ist im zweiten Obergeschoss das Wandgemälde des Zyklus Lebensalter von Johan Thorn Prikker (1868-1932). Im Marmorsaal hat das Berliner Büro Brenne Architekten dieses monumentale Werk des Niederländers wieder freigelegt. Der Künstler hat den Zyklus 1923 in Secco-Technik für Krefeld geschaffen. Ein weiterer Besuchermagnet sind die 1984 von Joseph Beuys (1921-1986) installierten Werkräume im Nordflügel, die im Originalzustand zu sehen sind. Ebenso sieben Werke des gebürtigen Krefelders. Beuys hatte während seiner gesamten künstlerischen Entwicklung Kontakt zum Kaiser Wilhelm Museum. Last but not least: Das 1904 entstandene Gemälde Das Parlament in London bei Sonnenuntergang von Claude Monet. Doch über diese Drei hinaus dürfte der geneigte Kunstfreund in Krefeld keinen der großen Maler wie Liebermann, Mondrian, Campendonk, Nolde, Yves Klein, Kandinsky, Gerhard Richter und Picasso sowie Designer wie Josef Hoffmann, Henry van der Velde, Richard Riemerschmid bis Peter Ghyczy vermissen – sie alle sind vertreten. Neben Malerei und Design sind Skulpturen, Fotografien, Grafiken, Plakate, Möbel, Keramiken, Neue Medien und Installationen zu sehen. Der kunsthistorische Bogen spannt sich von der Gotik und der Renaissance über den Barock bis hin zur deutschen Kunst der 1950er-Jahre sowie modernen Strömungen wie Impressionismus, Expressionismus, Kinetik, Pop Art, Minimal Art, Konzeptkunst sowie zeitgenössischer Kunst und aktuellem Design. Wenn jetzt noch die Gestaltung des Platzes vor dem Museum, der neuerdings nach Josef Beuys benannt ist, zum Abschluss kommt, dann dürfte das ganze Viertel am Westwall davon profitieren und sich das lange Warten gelohnt haben. Die Pläne sind anspruchsvoll, auch wenn es – typisch für die diskussionsfreudigen Krefelder – bereits Kritik bis hin zum Widerspruch gegen die Pläne des Krefelder Büros Kraft.Raum. gegeben hat. Das erinnert ein wenig an die Anfänge, als es ab 1890 eine mehrjährige kontrovers geführte Diskussion gab, ob der Karlsplatz der richtige Ort für ein Museum ist. Im dichten Stadtgefüge wurde er als Ort für Wochenmarkt, Zirkus und Jahrmärkte sowie die Fronleichnamsprozession genutzt. So oder so, das Kaiser Wilhelm Museum ist – um es noch einmal mit einem Paul-Wember-Begriff zu sagen: ein lebendiges Museum. „Heute sind wir froh, an diesen offenen Geist anknüpfen zu können“, sagt Katia Baudin.

Das Museum im Aufwind spiegelt sich nicht zuletzt in der neuen visuellen Identität, die das Amsterdamer Büro Mevis & van Deursen für die Kunstmuseen Krefeld entwickelt haben, indem sie die Initialen der drei Häuser miteinander verbunden haben: KWMHLHE. Das verstörende Balken-Design, das die Niederländer seit 2019 als neue Corporate Identity der Krefelder Kunstmuseen anbieten, findet sich allenthalben – vom virtuellen Auftritt über die Museumsshop-Papiertüte bis hin zum Trottoir, auf dem sich die Krefelder mal wieder das Maul zerreißen über ihr heißgeliebtes Museum.

 

Kaiser Wilhelm Museum
Joseph-Beuys-Platz 1
(ehemals Karlsplatz 35)
47798 Krefeld

Tel.:  +49 21 51 /  97 55 80

Öffnungszeiten Di.-So. 11 bis 17 Uhr

www.kunstmuseenkrefeld.de

 

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Text: Axel Küppers | Bilder: KWM, Axel Küppers

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