Das Magazin für Kultur und Lebensart am Niederrhein

Von der Tiefstraße an den Ballermann

Tom Marquardt: Komponist und Texter aus Kempen, der singt und Gitarre spielt

 

„Ich bin dauerinspiriert und melodiensüchtig.“ (Tom Marquardt) Foto: Michael Ricks

Text: Petra Verhasselt | Bilder: Michael Ricks | NiederRhein Edition, Ausgabe 02/2019

Er ist der Komponist mit den in diesem Jahr wohl meisten Songs auf Mallorcas Partymeile „Ballermann“ und gehört laut GEMA im Ranking der deutschen Komponisten zu den Top 10: Tom Marquardt, „Endvierziger“ aus Kempen, wie er sich selbst augenzwinkernd nennt. Aus der kleinen Musikecke seiner gemütlichen Zweizimmerwohnung mit idyllischem Blumenbalkon im ältesten Haus Kempens schickt er seit fünf Jahren einen Hit nach dem anderen an den Ballermann und in den Rest der deutschen Schlagerwelt.

Tom Marquardt ist ein Mensch, der die Menschen liebt. Das spürt man sofort beim Kennenlernen: Offener freundlicher Blick, verbindliche Gesten und ein intensives Gespräch, das eher einem Zusammensein unter Freunden gleicht als einem Interview.

Beim Eintreten in seine Wohnung an der Kempener Tiefstraße fällt im Flur eine Art Liebesbrief „an den allerbesten Nachbarn“ auf. Den hat die Hausgemeinschaft anlässlich seines Wiedereinzugs nach einem längeren Krankenhausaufenthalt wegen eines Unfalls vor ein paar Jahren verfasst. Bei schönem Wetter trifft man sich rund um die Bank vor dem Haus regelmäßig zum Klönen. Dieses Idyll ist der Quell seines Schaffens, denn die Menschen um ihn herum lassen Tom Marquardt nach seinen Trips durch deutsche Tonstudios „runterkommen“. „Kempen ist die Stadt meiner Freunde“, sagt der sympathische Hitkomponist, der mit neun Jahren im Musikverein St. Hubert angefangen hat, Trompete zu spielen. Mit 14 tauschte er die Trompete gegen die Gitarre und begann zu singen, inklusive Unterricht bei einem Opernsänger. Zwei Jahre später gründete Tom Marquardt seine Band „Mysterious K“ und schrieb den ersten Song, allerdings noch in englischer Sprache. „Wir haben Independent English Pop gemacht“, erzählt er. Aber weil er sich in der deutschen Sprache einfach heimischer fühlt, wurde seine Hitsprache Deutsch.

Ein Unfall wurde  zum Glücksfall

Bevor Tom Marquardt in der Schlager-welt professionell Fuß fassen konnte, sollte er einige unschöne Erfahrungen machen, die manch anderen dauerhaft abgeschreckt hätten. Eigentlich hätte er sich freuen können, als er als 23-Jähriger beim renommierten Label Sony einen dreijährigen Plattenvertrag als Sänger bekam. Der produktive junge Mann, der sich bis dahin frei in der Musikszene bewegt hatte und verschiedensten Labels seine Hits anbot, kam aber schnell hinter die Strategie seines Arbeitsgebers: „Dieser Vertrag hatte eigentlich nur den Sinn, mich vom Markt zu nehmen, um eigene Produkte im Haus zu schützen. Damit war mein Vertrauen in die deutsche Musikindustrie zerstört“. Der Traum, seine Leidenschaft zum Beruf zu machen, war in weite Ferne gerückt. Tom Marquardt hielt sich erst einmal mit Gelegenheitsjobs wie Taxifahren über Wasser und studierte Sozialpädagogik. Er komponierte zwar weiter, aber nur für sich selbst. Vor zehn Jahren lernte er dann durch Zufall den Musikproduzenten Gerd Jakobs aus Viersen-Süchteln kennen, der unter anderem mit Jürgen Drews, Fantasy, G.G. Anderson, Nik und KLUBB3 (Florian Silbereisen, Jan Smit und Christoff) zusammenarbeitete. Tom Marquardt erzählt: „Die Freundin eines Freundes hatte einen leichten Verkehrsunfall mit Gerd Jakobs. Als mein Freund erfuhr, was er beruflich macht, hat er ihm erzählt, dass ich zwar jeden Monat unzählige Songs komponiere, aber nur für mich im stillen Kämmerlein. Ihm habe ich dann eine CD mit meinen Songs geschickt, und er motivierte mich, sie deutschsprachigen Künstlern vorzu-stellen. Seit fünf Jahren kann ich davon leben und bin sehr glücklich, denn Musik war von meiner ersten Lebenssekunde an mein Ding.“

„Ich bin dauerinspiriert  und melodiensüchtig“

Aber bedeutet es nicht auch einen ungeheuren Druck, immer abliefern zu müssen, um Miete und Brötchen bezahlen zu können? „Das ist für mich kein Problem. Irgendwie bin ich dauerinspiriert und melodiensüchtig. Jeden Tag fällt mir eine neue Melodie ein, die ich dann spontan in mein Handy singe“, erläutert Tom Marquardt, der natürlich nicht jeden seiner Songs unterbekommt. Sein kreativer Fundus ist aber so riesig, dass er es mittlerweile im Schnitt auf eine Single-Veröffentlichung pro Woche bringt. Zudem hat ein Erlebnis vor drei Jahren ihm zum zweiten Mal die Augen geöffnet: „Ich war mit meinem Wagen in einen Graben gefahren und wollte mich von einem Traktor wieder herausziehen lassen. Aber das ging schief. Ich kam mit meiner Hand zwischen Abschlepp-Schlinge und Anhängerkupplung, als der Traktor anfuhr. Seitdem fehlt mir der kleine Finger der linken Hand.“

Aus dieser tragischen Situation hat Tom Marquardt einen Schluss für sein weiteres Leben gezogen: „Ein halbes Jahr lang habe ich mit mir gerungen und dann endgültig die Entscheidung getroffen, nur noch Musik zu machen. Mir war nämlich bewusst geworden, dass meine Zeit begrenzt ist. Seitdem quetsche ich jeden Tag alles Gute aus meinem Leben heraus und freue mich über die Zeit, die ich mit meinen Lieblingsmenschen verbringen darf: meine Mutter, meine Schwester, mein Schwager, meine Tante, mein Onkel, meine Nichte und meine Freunde. Familie, Freundschaft und Liebe sind das Wichtigste in meinem Leben.“ Aus dieser Haltung heraus schreibt Tom Marquardt seine Melodien, manchmal auch Texte, und gibt zu: „Ich bin hochemotional. Ich bin auch jemand, der im Kino weint.“ Tief berührt war er zuletzt beim Besuch des Hape Kerkeling-Films „Der Junge muss an die frische Luft“.

Gutes Standing im  „Haifischbecken“ der  Eitelkeiten

Aber ist ein Mann der Gefühle in der sogenannten „Branche“, die von vielen Insidern als „Haifischbecken“ erlebt wird, nicht fehl am Platz? Geht es dort nicht ohne Rücksicht auf Verluste nur darum, wer den nächsten Hit landet? Tom Marquardt gibt zu: „Gerade in der Musikbranche gibt es viele Spinner, Falschspieler und komische Menschen, die intellektuell und emotional höchst minderbegabt sind. Da nimmt einer dem anderen die Auftritte weg, und besonders auf Mallorca bekriegen sich die Produzententeams regelrecht. Weil ich mich aber nicht von einem Lager abhängig machen lasse und alles wirklich nur aus vollem Herzen mache, habe ich ein gutes Standing bei den Produzententeams um Mia Julia, Ikke Hüftgold, Almklausi und Lorenz Büffel. Ich brauche allerdings in der Branche auch keine Freunde.“ Umso überraschender ist die Tatsache, dass Tom Marquardt ausgerechnet mit Michael Wendler eine private Freundschaft pflegt. Kennengelernt haben sich die beiden, als der Wendler einen Gitarristen für eine Fanreise suchte. Sänger Nik, für den Tom auch schon einige Songs komponiert hatte, gab ihm den Tipp, sich vorzustellen. Seitdem begleitet Tom Marquardt Michael Wendler regelmäßig als Musiker. Auch Songs hat er schon für ihn geschrieben. An ihm schätzt er, „dass er sein Ding gnadenlos durchzieht. Klar, seine Marke ist Trash, und er kommt aus diesem Film auch nicht raus, aber in unserer Zusammenarbeit und privat ist er ein sehr umgänglicher und freundlicher Mensch, mit dem ich noch nie Probleme hatte.“

15 Songs für ein Kindermusical

Tom Marquardt lebt hauptsächlich von Auftragskompositionen. Er gehört zu einem Pool von Kollegen, die von Plattenfirmen oder Musikverlagen gebrieft werden, wenn neue Titel gefragt sind. Oft bekommt er den Zuschlag. „Es rufen auch schon mal Sänger an wie die Schlagerpiloten“, erzählt er und freut sich dann darüber, dass seine Songs die Spitze der deutschsprachigen Charts erreichen. Diesen Sommer hat er außerdem mehrere Sänger zum „ZDF Fernsehgarten“ begleitet, wo sie Songs von ihm performten, darunter Norman Langen („Dieses Gefühl“), Axel Fischer („Norderney“), Markus Becker („Annemarie“) und Mia Julia („Weck mich nicht auf“). Mit Markus Becker und Mia Julia war Tom Marquardt auch zu Gast im „Mallorca-Fernsehgarten“, der aufgrund widriger Wetterumstände evakuiert wurde. Schmunzelnd erzählt er von zwei nicht abgeholten Goldenen Schallplatten aus Österreich, die er als Komponist für die Paldauer und Marc Pircher gewonnen hat. Auch im Kölner Karneval hat der Kempener seit einem Jahr einen Fuß in der Tür. Für die „Kölschen Adler“ hat er 2018 den Song „Hätzschlag“ geschrieben, der sehr erfolgreich im Hörfunk und auf den Bühnen lief, und mit den „Domstürmern“ ist demnächst eine Single geplant. Eine Auftragskomposition der besonderen Art realisierte der Kempener Komponist ebenfalls vergangenes Jahr: Songs für das Kindermusical „Kattas Welt und die Reise zur leuchtenden Banane“. Auftraggeber waren Schauinsland Reisen und eine Plattenfirma. Entstehen sollte eine Party-CD mit Liedern für die „Kids Clubs“ der angeschlossenen Hotels des Reiseveranstalters. Der Sänger Markus Becker, den man von seinem Hit „Rotes Pferd“ kennt, hatte Tom Marquardt mit ins Boot geholt, um Texte und Musik für 15 Songs zu schreiben. Sie kamen so gut an, dass ein ganzes Musical entstand, mit Reiner Calmund als Sprecher. Die Aufführungen im Theater im Marientor in Duisburg waren ein voller Erfolg. Außerdem landete die CD in den Top 20 der deutschen Albumcharts und wurde die meistverkaufte Kinder-CD des Jahres 2018.

Auch seiner ganz persönlichen Gesangsleidenschaft kann Tom Marquardt immer mal wieder nachgehen. Zum Beispiel bei der 725-Jahr Feier seiner Heimatstadt Kempen. Am Samstag, 14. September 2019, präsentiert er mit seiner markanten rauh-warmen Stimme eigene neue Songs unplugged, aber auch die Kempen-Hymne „Du bist Heimat“ – ein Ohrwurm, den die Kempener lieben und gerne mit voller Inbrunst mitsingen. Ein berufliches Ziel hat Tom Marquardt aber noch: „Bevor ich ins Grab steige, möchte ich den ultimativen Ohrwurm schreiben.“

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